Capri hat die seltene Fähigkeit, selbst einen Mord für einen Augenblick in den Schatten seiner Schönheit zu stellen: Sonne auf den Faraglioni, das tiefblaue Meer, der Duft von Pfirsichen und Espresso – und mittendrin ein Verbrechen, das die idyllische Oberfläche der Insel jäh durchbricht. Während Inselpolizist Enrico Rizzi an einem sonnigen Morgen die ersten Pfirsiche in den Gärten seiner Familie pflückt, wird in der Dorfkirche die Modedesignerin Rosalinda Fervidi tot aufgefunden – erwürgt im Beichtstuhl! Die Polizei aus Neapel ist schnell zur Stelle und präsentiert ebenso schnell einen Verdächtigen: den geistig etwas eingeschränkten Straßenkehrer Salvatore, doch Rizzi und seine Kollegin Antonia Cirillo lassen sich nicht täuschen, kennen sie doch die Insel, ihre Menschen und vor allem jene Geschichten, die zwischen den offiziellen Aussagen liegen. Und genau dort beginnt für mich die eigentliche Faszination dieses Capri-Krimis, denn Luca Ventura erzählt nicht einfach einen Mordfall vor einer spektakulären Urlaubskulisse, sondern blickt unter die glänzende Oberfläche dieser Trauminsel. Capri ist wunderschön – manchmal von einer fast unwirklichen Schönheit, doch dieses Paradies hat seine Schatten, denn während die Besucher bei Aperitif und Leinenkleidern auf der Piazzetta flanieren, kämpfen die Menschen, die hier leben und arbeiten, mit hohen Immobilienpreisen, Massentourismus und der bangen Frage, wie lange ein normales Leben auf der eigenen Insel noch möglich sein wird. Luca Ventura macht diese Gegensätze spürbar, ohne sie in den Vordergrund zu drängen, wobei für mich die „unsichtbare Mauer“ zwischen Besuchern und Einheimischen besonders eindrücklich ist, da wir als Reisende meist das Capri der Postkarten sehen: das glitzernde Meer, die weißen Häuser, die schroffen Felsen, das süße Leben im Schatten der Zitronenbäume. Doch hinter dieser Kulisse beginnt eine andere Welt, – eine Welt, in der Menschen arbeiten, kämpfen, träumen und manchmal auch daran verzweifeln, dass ihre Heimat immer mehr zum Luxusprodukt für andere wird. So lässt uns Luca Ventura diese Seite der Insel entdecken – und plötzlich bekommt selbst die schönste Aussicht einen zweiten Horizont. Auch Rosalinda Fervidi verkörpert diesen Gegensatz, denn sie ist nicht nur das Opfer eines brutalen Mordes, sondern eine junge, kreative Frau, die versucht hat, sich mit ihren Lederaccessoires einen eigenen Platz auf Capri zu schaffen: Ihre verrückten Taschen und Gürtel sind nämlich Ausdruck von Erfindergeist und Unternehmergeist – und zugleich Teil jener glitzernden Welt, von der die Insel lebt. Die kostbare Tasche aus Salamanderleder wird dabei fast zum Symbol für Schönheit, Begehren und Besitz; und für mich macht gerade diese Verbindung von Mordfall, Mode und gesellschaftlichen Gegensätzen den Roman so interessant: Unter der eleganten Oberfläche geht es immer auch um die Frage, wem eine Insel eigentlich gehört … Natürlich lebt der Roman nicht zuletzt von seinen beiden berühmten Ermittlern, denn Enrico Rizzi ist mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen: kein glattpolierter Kommissar, sondern ein Mann mit Ecken und Kanten, mit Familie, Vergangenheit und einer tiefen Verbundenheit zu seiner Heimat; er fährt Vespa, hilft seinen Eltern in den Obst- und Gemüsegärten und kennt Capri nicht aus Reiseführern, sondern aus seinem eigenen Leben, während Antonia Cirillo geheimnisvoller bleibt und mit ihrer Vergangenheit einen spannenden Kontrapunkt setzt. So gehört ihre gemeinsame Dynamik für mich zu den schönsten Seiten der Reihe! Und dann ist da noch der titelgebende „blaue Salamander“, jene tatsächlich auf Capri vorkommende blaue Eidechse, die wie ein kleines Naturwunder zwischen Felsen und Meer lebt, um welche sich Legenden und Geheimnisse ranken, die Ventura wunderbar mit der Handlung verwebt: Realität und Mythos, Meer und Mord, Schönheit und Abgrund – all das fließt hier so selbstverständlich ineinander wie die Farben eines italienischen Sonnenuntergangs. „Der blaue Salamander“ ist für mich deshalb eine perfekte Sommerlektüre: spannend, atmosphärisch und mit jenem leichten mediterranen Sog, der einen beim Lesen gedanklich weit fortträgt, sodass man förmlich den Espresso schmeckt, das Meer gegen die Felsen schlagen hört und man selbst über die Via Pizzolungo spazieren möchte ... Als aktueller Band der Capri-Krimi-Reihe ist der Roman zugleich ein wunderbarer Appetitanreger für weitere italienische Krimireisen, die 2026 noch auf uns warten: Wer Rizzi und Cirillo bereits kennt, wird sich über die Rückkehr nach Capri freuen; wer die Reihe erst entdeckt, findet hier einen verlockenden Einstieg.