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Die Welt geht unter, aber mich nichts an

Dienstag, 24.11.2026 Tyrolia Buch · Papier Innsbruck, Maria-Theresien-Straße 15, 6020 Innsbruck 19:30 Uhr

Die Welt geht unter, aber mich nichts an

Buchpräsentation mit Florian Scheuba

In seinem neuen Buch kämpft Florian Scheuba gegen die Abendstimmung im Abendland. Langsam geht im Westen die Sonne unter. Wir sitzen in ihren letzten Strahlen am Ufer des Baches, den alles runtergeht: Umwelt, Artenvielfalt, Demokratie, Men
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Die Rettung
Charlotte McConaghy
Die Rettung

Beim Lesen von Charlotte McConaghys „Die Rettung“ habe ich mich immer wieder dabei ertappt, dass ich am liebsten selbst auf dieser abgelegenen Insel gestrandet wäre – und im nächsten Moment froh war, sicher auf meinem Sofa zu sitzen! Shearwater Island ist ein Ort der Gegensätze: rau und wunderschön, lebensfeindlich und voller Leben. Der Wind peitscht über die Klippen, das Meer verschlingt langsam das Land, und zwischen Robben, Albatrossen und tosenden Wellen versuchen fünf Menschen, mit ihrer Vergangenheit zurechtzukommen. Charlotte McConaghy schafft eine Atmosphäre, die mich von Beginn an gefesselt hat, denn dabei geht es in ihrem Roman um weit mehr als eine geheimnisvolle Fremde und eine Insel, die dem Untergang geweiht ist … Dominic Salt lebt mit seinen drei Kindern auf Shearwater Island, irgendwo zwischen Australien und der Antarktis. Einst befand sich hier eine Forschungsstation mit einem unterirdischen Saatgutbunker, in dem wichtige Nutzpflanzen für mögliche globale Katastrophen bewahrt werden sollten. Doch der Klimawandel macht auch vor diesem vermeintlich sicheren Zufluchtsort nicht halt: Der Meeresspiegel steigt, der Permafrost taut, die technischen Anlagen versagen. Das Forschungsteam ist bereits abgereist, und bald muss auch die Familie Salt die Insel verlassen. Dann wird nach einer heftigen Sturmnacht eine schwer verletzte Frau an die Küste gespült. Dominic und seine Kinder retten die Schiffbrüchige, die Rowan heißt. Doch wer ist sie, und was hat sie hierhergeführt? Mit ihrer Ankunft geraten nicht nur die Pläne für den Abschied durcheinander, sondern auch die sorgfältig gehüteten Geheimnisse der Familie! Charlotte McConaghy versteht es, Spannung zu erzeugen, ohne einen klassischen Kriminalroman zu schreiben. Natürlich wollte ich wissen, wer Rowan ist und welche Geschichte sie mit sich bringt, noch mehr aber interessierte mich, was innerhalb der Familie Salt verborgen liegt. Dominic und seine Kinder sind durch den Verlust der Mutter miteinander verbunden, doch jeder geht anders mit der Trauer um: Die siebzehnjährige Fen zieht sich lieber zu den Tieren zurück, als sich ihrer Familie zu öffnen; ihr älterer Bruder Raff trägt eine Wut in sich, deren Ursprung lange im Dunkeln bleibt; und der jüngste Sohn Orly begegnet der Welt mit einer berührenden Neugier und Zärtlichkeit. Besonders seine Annäherung an Rowan hat mich bewegt, denn in ihr zeigt sich, wie heilsam es sein kann, sich jemandem anzuvertrauen, ohne sofort alles erklären zu müssen … Die Figuren sind verletzlich, verschlossen und manchmal schwer zu verstehen, bleiben aber stets nachvollziehbar. Durch wechselnde Perspektiven lässt Charlotte McConaghy uns an Gedanken und Gefühlen teilhaben, die den anderen verborgen bleiben. So entsteht ein Netz aus Missverständnissen, Sehnsüchten und unausgesprochenen Wahrheiten. Man möchte die Menschen bisweilen schütteln, damit sie endlich miteinander reden, versteht aber zugleich, warum ihnen genau das so schwerfällt. Am stärksten wirkt der Roman für mich dort, wo die Autorin die Natur beschreibt, denn die Insel ist nicht bloß Kulisse, sondern eine eigenständige Kraft, die das Leben ihrer Bewohner bestimmt. Beim Lesen konnte ich beinahe die eisige Gischt auf der Haut spüren und das Kreischen der Seevögel hören; hinter der rauen Oberfläche offenbart sich eine erstaunliche Schönheit: Tiere, Pflanzen und Landschaft besitzen einen Wert, der sich nicht allein daran bemisst, was der Mensch aus ihnen machen kann. So ist der Klimawandel allgegenwärtig, ohne dass die Geschichte zur moralischen Belehrung wird … Der Saatgutbunker, geschaffen, um die Zukunft der Menschheit zu sichern, ist selbst von den Folgen der Erderwärmung bedroht. Dieser Widerspruch hat mich besonders nachdenklich gemacht: Wie wollen wir bewahren, was wir gleichzeitig zerstören? Und was bedeutet Rettung, wenn nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Lebensräume gefährdet sind? Am Ende bleibt für mich ein Roman, der von Verlust, Verantwortung und der Möglichkeit eines Neuanfangs erzählt, denn „Die Rettung“ erinnert daran, dass wir weder die Natur noch unsere Gefühle oder die Menschen, die wir lieben, vollständig kontrollieren können. Aber wir können lernen, genauer hinzusehen, zuzuhören und einander trotz aller Verletzungen eine Chance zu geben … Ich habe das Buch mit einer gewissen Wehmut geschlossen und mit dem Gefühl, dass seine Fragen noch eine Weile bei mir bleiben werden. Und gerade das macht für mich seine Stärke aus!

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Katja
Filiale Innsbruck
Oakfell Autumn Nights
Mimi Heeger
Oakfell Autumn Nights

„Ich bin müde. So unglaublich erschöpft von dieser Sache, die man wohl Leben nennt.“ Diesen Satz seufzt die weibliche Hauptfigur im Laufe der Geschichte, und ich hätte nie gedacht, dass durch den Austausch eines einzelnen (!) Buchstabens in einem Satz mein Leseeindruck über ein Buch so einfach wiedergegeben werden kann! Für alle, die es nicht sofort verstehen, sei es hier nochmal notiert: „Ich bin müde. So unglaublich erschöpft von dieser Sache, die man wohl Lesen nennt.“ Denn es war leider so, die Lektüre dieses zugegebenermaßen herzigen Romans hat mich tatsächlich etwas erschöpft. Das liegt zu einem großen Teil sicherlich daran, dass ich weit über dem Altersdurchschnitt der Zielgruppe liege, aber zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch daran, dass ich hier genau das bekommen habe, was ich erwartet habe. Die Geschichte ist von Anfang an vorhersehbar und sogar Kleinigkeiten, die ich von Anfang an vermutet habe, sind dann im Verlauf der Handlung aufgetreten. Worum geht’s? Gerade als Everlee Parker meint, sie hätte ihr Leben endlich im Griff, taucht Cooper, ihr ehemals bester Freund aus Kindertagen, wieder auf. Und das ausgerechnet zur Festwoche, denn so nennen die Parkers die unglückliche Häufung einiger wichtiger Tage der Familie, die allesamt in die letzte Oktoberwoche fallen: Everlees Geburtstag, der Gründungstag ihrer Heimatstadt Oakfell – ein Ort wie aus dem Bilderbuch! –, Grandma Parkers 90. Geburtstag, der Hochzeitstag der Eltern und natürlich Halloween! Natürlich wirbelt Coopers Erscheinen nach jahrelanger Funkstille jede Menge Staub auf und stürzt nicht nur ihn, sondern natürlich vor allem Everlee in das größte Gefühlschaos. Abwechselnd wird aus seiner und aus ihrer Perspektive sowie in diversen Rückblenden erzählt, wie ihre wunderbare Freundschaft – „Wir zwei gegen den Rest der Welt!“ – ihren Anfang genommen hat und wie es dann – nix mehr mit „Wir zwei…“ – zum Zerwürfnis gekommen ist. Natürlich ist Cooper der Inbegriff von Attraktivität, gut gebaut und mit der ultimativen Mischung aus düster, freundlich und charmant. Ich hoffe, ich verrate nicht zu viel, wenn ich schon an dieser Stelle erwähne, dass es niemanden gibt, dessen Mund so viele Facetten unterschiedlicher Küsse zustande bringt. Aber bis es zu einem Austausch dieser diversen Küsse kommt, dauert es natürlich geraume Zeit, weil erst Irrungen und Wirrungen und eh schon wissen. Natürlich ist Everlee klein und zart und sieht immer wunderschön aus, auch wenn sie an drei von sieben Tagen unförmige Jeanslatzhosen und Gummistiefel trägt, die Ärmel ihrer Oberteile reichen bis über ihre Hände. (Das muss ein Teil des Romance-Baukastens sein, da das fast ausnahmslos mit allen Ärmeln im Bereich der Wohlfühllektüre der Fall zu sein scheint.) Wer sich jetzt fragt, warum ich bei allem Genörgel bis zum Schluss durchgehalten habe – natürlich aus den oben genannten Gründen! Aus dem Grund, dass ich genau das bekommen habe, was ich erwartet habe, aus dem Grund, dass Cooper und Everlee sind, wie sie sind, und wegen der kitschig-freundlichen Kleinstadt-Atmosphäre, die die Geschichte vermittelt. Einen Extra-Stern vergebe ich für die hübsche Aufmachung des Romans, vor allem auch innen zu Anfang eines jeden Kapitels, und so sind wir doch fast schon bei vier Sternen angelangt.

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Maxie
Filiale Innsbruck
Schiffbruch
Vincent Delecroix
Schiffbruch

„Ich habe dich nicht darum gebeten, fortzugehen, hatte ich gesagt. Es war deine Entscheidung, und wenn du nicht nass werden wolltest, mein Lieber, hättest du dich nicht darauf einlassen sollen. Ich habe dich nicht ins Wasser gestoßen, und ich habe dich nicht aus deinem Dorf oder von deinem Acker oder aus deiner elenden Banlieue weggelockt, damit du in dieses verdammte, undichte Boot steigst, jetzt sitzt du in der Patsche, und ich glaube dir gern, dass du Angst hast, aber du tust so, als wäre es meine Schuld, ich soll dich retten, und du wirst auch noch ungeduldig. Du zählst auf mich. Dabei habe ich dich um nichts gebeten. Also lass mich meine Arbeit machen und gedulde dich.“ Mit diesen Sätzen stößt uns Vincent Delecroix hinein in die Handlung seines Romans „Schiffbruch“, der im Übrigen auf einer wahren Begebenheit beruht. Es sind diese Sätze, die eine Offizierin der französischen Küstenwache nicht nur gedacht hat, sondern auch gesagt. Gesagt zu einem der neunundzwanzig Migranten, der in einer Novembernacht innerhalb von zwei Stunden vierzehn Mal mit zunehmenden Verzweiflung von einem sinkenden Schlauchboot inmitten des Ärmelkanals aus die Küstenwache angerufen und um Hilfe gebeten hat. Hilfe, die aufgrund einer Verkettung von Umständen – ob sie nun unglücklich gewesen sein mögen oder nicht – nicht geleistet wurde. Bis auf zwei sind alle Insassen des Bootes ertrunken. Auf gut 150 Seiten können wir das Gespräch der Offizierin mit der Ermittlerin der Gendarmerie maritime mitverfolgen, wobei das Wort „Gespräch“ nicht korrekt ist, es ist ein bestürzender, schrecklicher, skandalöser Monolog. Je weiter man liest, desto deutlicher wird, dass wir hier einem Selbstgespräch, einem inneren Monolog lauschen, der in weiten Stücken schwere Kost ist. War wirklich menschliches Versagen der Grund dafür, dass diese Menschen sterben mussten? Warum ertrinken Nacht für Nacht Männer, Frauen und Kinder im Ärmelkanal oder im Mittelmeer? Reichen dieses eine menschliche Versagen, diese unterlassene Hilfeleistung dieser einen Novembernacht nicht viel weiter zurück, so dass man gut daran täte, herauszufinden, wann der Schiffbruch tatsächlich begonnen hat? Ist die Offizierin der Küstenwache nicht nur das letzte Glied in der fatalen Kette aus Migrationspolitik, Schleusermafia, Kriegen und Hungersnöten? Und was für eine Person ist diese Frau, die Nacht für Nacht dieselben Stimmen und dasselbe Flehen hört und die sich, wenn sie sich selbst im Spiegel betrachtet, fragt: „Was hast du getan, mein Gott, was hast du getan?“ Die sich ständig vorwerfen muss: „Du hast sie wie die Ratten krepieren lassen, weil es dir im Grunde scheißegal war, ob sie leben oder sterben, denn diese Menschen bedeuten dir absolut nichts.“ Gehört diese eingangs zitierte Stimme wirklich einer Kriminellen, einem Monster – oder ist sie nicht vielmehr die Stimme von uns allen? „Während ich hier auf festen Boden stehe, sind da auch all die anderen, hinter mir – und es sind viele, Tausende, Millionen von Menschen. Alle stehen sie da, im Grunde die ganze Welt, die ganze Welt steht da mit mir am Ufer.“ Dieser schmale Roman sollte Pflichtlektüre für alle sein, die die Katastrophe vom sicheren Festland aus beobachten – um sich ein politisches und gesellschaftliches Versagen vor Augen zu führen, das als der wahre Schiffbruch betrachtet werden kann.

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Maxie
Filiale Innsbruck
Im Schnee
Tommie Goerz
Im Schnee

„Der Schorsch ist im Himmel und sonst nichts, und der liebe Gott ist ein Depp, wenn er nicht sieht, was der für ein Kerl war.“ Es ist ein langes Leben, das jetzt zu Ende gegangen ist, und während der langen Nacht der Totenwacht erinnern sich die Leute aus dem Dorf, vor allem die Alten, und lassen mit ihren Geschichten den Verstorbenen noch einmal so richtig aufleben. Außer dem Hans, der noch Geschichten von früher weiß, die die meisten längst vergessen haben, ist es vor allem der Max, der alle Geschichten vom Schorsch kennt, denn er war sein Leben lang mit dem Schorsch zusammen gewesen, ihre Freundschaft hat begonnen, als sie noch ganz kleine Buben waren, fast wie Geschwister waren sie. Man erzählt vom Dorfleben wie es früher war und von den alten Zeiten, in denen mehr geschwiegen wurde als beredet, denn die Regeln waren klar, und wenn man die Klappe hielt, sagte man auch nichts Falsches. Man erinnert sich an die Traditionen, mit denen es irgendwann vorbei war, und an den guten Nusskuchen, den mit dem Karamell, den der Max immer gemacht hat. Mit Tagesanbruch, dem ersten ohne den Schorsch, fragt sich der Max, wie es nun weitergehen wird. Nie wieder wird der Schorsch bei ihm Äpfel holen, nie wieder werden sie gemeinsam Tee trinken und im Garten, in der Werkstatt oder auf seinem Chaiselongue sitzen und gemeinsam den Vögeln lauschen, dem Knacken im Ofen oder dem Nichts. Aber irgendwie wird es weitergehen, denn „es ist immer weitergegangen. Irgendwie. Es würde auch nach ihm weitergehen. Und trotzdem war alles anders.“ Tommie Goerz beschreibt eindrucksvoll und in ganz schlichten, wunderschönen Worten das kleine Leben des alten Max, das noch so ist wie vor fünfzig oder siebzig Jahren, und ein niederbayerisches Dorf, in dem fast nur noch die Alten übrig sind und in dem die Zeit stehengeblieben scheint. Aber wie sagt der Max? „Die Zeit stehen geblieben? Die rast doch wie nie, jeden Tag, man kommt ja kaum hinterher. Und meine Welt soll klein sein? Die ist so riesengroß, da komme ich ja selber gar nicht rum. Denk nur an den Tee. Was war da alles drin? Wegwarte, Fenchelsamen und Schafgarbe. Dazu Schlüsselblumen, Pfefferminze, dann Nachtkerzenblüten und Brennnessel, Lindenblüten, Thymian, Kornblumen, Rosenblüten … das alles ist aus meiner Welt. Das wächst da. Nur – in meiner kleinen Welt, da kennt man das auch alles, und du in deiner großen nicht…“ „Im Schnee“ ist ein kleines, großes Buch, sehr berührend, voll Zärtlichkeit und Trauer, voll von dem, was war, und dem, was bleibt, wenn wir uns erinnern. Für mich war es genau das richtige Buch zur richtigen Zeit.

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Maxie
Filiale Innsbruck
Die Rettung
Charlotte McConaghy
Die Rettung

Shearwater Island, diese wundersame subantarktische Insel, auf halber Strecke zwischen Tasmanien und der Antarktis gelegen, ist trotz ihrer Wunder keine Touristeninsel. Es ist die weltweit letzte Kolonie von Haubenpinguinen, und außer denen leben hier nur Seebären und Seeelefanten, über achtzigtausend Robben und drei Millionen brütende Seevögeln – und Dominc Salt, seit acht Jahren der Verwalter aller Gebäude auf der Insel, und seine drei Kinder Raff, Fen und Orly. Meistens ist es ruhig, der Alltag besteht aus einfachen Pflichten. Außerdem gibt es auf der Insel den Shearwater Global Seed Vault, den Saatgutbunker, dazu konstruiert, allem standzuhalten, was die Welt gegen ihn aufbietet. Kurz gesagt: Er dient der Rettung der Menschheit in einer Zukunft, in der die Nahrungsgrundlage möglicherweise neu angepflanzt werden muss. Außer den Wissenschaftlern, die die Fauna, das Wetter und die Gezeiten studieren, kommt so gut wie nie jemand je hierher. Doch dann wird in einer stürmischen Nacht eine Frau an den Strand gespült, halb tot, doch sie überlebt schwer verletzt. Wie sich herausstellt, ist Rowan die Frau eines der Wissenschaftler; auf der Suche nach ihrem Mann, nachdem sie seine beunruhigenden Briefe erreicht haben, die von großer Angst und großer Gefahr zeugen. Doch die Wissenschaftler sind alle weg – angeblich mit dem letzten Versorgungsschiff zurückgekehrt nach Australien. Denn der Saatgutbunker soll dichtgemacht werden. Zu schnell steigt der Meeresspiegel und die Gefahr einer Überflutung des Bunkers wächst von Tag zu Tag. Über kurz oder lang wird die Insel untergehen. Aber Rowans Mann ist nie zu Hause angekommen. Hat er sie verlassen oder ist etwas noch viel schlimmeres passiert? Geschickt verwebt Charlotte McConaghy Rowans Geschichte mit der der Familie Salt. Da wie dort gibt es dunkle Geheimnisse, die gehütet werden wollen. Im Vordergrund stehen aber – so wie in all ihren Romanen – die Zerstörung der Natur, das Verschwinden der Tiere, der Klimawandel. Rowan sagt es an einer Stelle sehr drastisch: „Eines Tages, eher früher als später, wird alles auf der Welt verbrennen, ertrinken oder verhungern.“ Shearwater Island ist ein Ort, der einem zunächst nur feindselig vorkommt – zu stürmisch und fast immer dunkel ist es dort, eiskalt und ewig prasselnder Regen, doch dann offenbart sich ihre Schönheit und ihr verborgener Reichtum. Das ist McConaghys ganz große Stärke: Naturbeschreibungen und Naturgewalten, die einem den Atem rauben. Dazu eine Familie, in der vor allem die Kinder trotz ihrer jahrelangen Isolation einer Fremden statt mit -Misstrauen mit offener Wärme und ungezwungener Freundlichkeit begegnen, „und ich frage mich, ob diese Großherzigkeit ein Ergebnis ihrer Isolation und Einsamkeit ist oder einfach in ihrem Wesen liegt.“ Ganz besonders zu Herzen gehen die Kapitel, in denen der neunjährige Orly von bestimmten Pflanzensamen erzählt, z.B. vom größten Wanderer, nämlich dem gewöhnlichen Löwenzahn, dessen Samen mit dem Wind bis zu hundert Kilometer zurücklegen können und jeder Menge Tiere als Nahrung dienen. „Und trotzdem gilt dieser Löwenzahn, diese kleine Blume, als Unkraut.“ Oder vom sogenannten Dinosaurierbaum, von dem alle glaubten, er sei vor zwei Millionen Jahren ausgestorben. Bis ein Park-Ranger im Frühling 1994 in einem unzugänglichen Gebiet eines Nationalparks in Australien einige Exemplare der Wollemie entdeckte – eine Art lebendes Pflanzenfossil. Orlys Kapitel sind nicht nur lehrreich, sondern von einer so schlichten und poetischen Schönheit, dass ich sie, als ich mit dem Buch fertig war, mit einem Gefühl der Rührung direkt nochmal gelesen habe. „Die Rettung“ ist ein stiller, aber dramatischer Roman über eine überwältigende Natur und deren Zerbrechlichkeit, über eine einzigartige Insel, eine außergewöhnliche Tierwelt und über die tiefe Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern, über die dünne Linie zwischen Fürsorge und Zerstörung – ein Roman mit einer enormen Wucht. Unbedingt lesen!

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Maxie
Filiale Innsbruck
Corpus Delicti
Juli Zeh
Corpus Delicti

Wie weit würden wir gehen, um gesund zu bleiben? Und wann wird aus der Fürsorge für den eigenen Körper eine Pflicht, aus Vernunft ein Dogma und aus Sicherheit ein Gefängnis? Juli Zeh stellt in ihrem Roman „Corpus Delicti“ Fragen, die zunächst wie ein Gedankenspiel aus einer fernen Zukunft erscheinen. Doch je tiefer man in diese Welt eintaucht, desto näher rückt sie an unsere Gegenwart heran … Der 2009 erschienene Roman entwirft die beklemmende Vision einer Gesellschaft, die Gesundheit zum höchsten Gut erhoben hat; die sogenannte METHODE verspricht ein Leben ohne vermeidbare Risiken. Der Körper wird überwacht, die Lebensweise reglementiert, Vorsorge zur Bürgerpflicht. Wer sich den Regeln widersetzt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern gilt als Bedrohung für die Gemeinschaft. Im Mittelpunkt steht Mia Holl, eine junge, intelligente und unabhängige Frau. Als ihr Bruder Moritz wegen einer angeblichen Vergewaltigung verurteilt wird und sich später das Leben nimmt, gerät Mias Welt aus den Fugen, denn sie zweifelt an seiner Schuld und beginnt, sich gegen das System zu stellen. Aus ihrer Trauer erwächst Widerstand, aus ihrer Liebe eine Kraft, die sich nicht länger disziplinieren lässt. Mia ist für mich gerade deshalb eine interessante Figur, weil sie keine makellose Heldin ist, sondern verletzlich, widersprüchlich und mit ihrem Verlust allein erscheint. In einer Gesellschaft, die alles kontrollieren möchte, wird ihr persönlicher Schmerz zu etwas Unberechenbarem; so zeigt ihre Geschichte, wie schnell ein Mensch zum Verdachtsfall werden kann, sobald er sich nicht mehr den Erwartungen seiner Umgebung fügt. Die eigentliche Bedrohung in „Corpus Delicti“ liegt dabei nicht in einer offensichtlich bösen Macht. Die METHODE will das Beste für alle. Sie verspricht Gesundheit, Sicherheit und ein möglichst langes Leben. Wer könnte sich diesen Zielen grundsätzlich verschließen? Doch genau darin liegt die Verführung: Was gut gemeint ist, kann seine Menschlichkeit verlieren, wenn es keinen Widerspruch mehr duldet. Juli Zeh fragt, was von unserer Freiheit bleibt, wenn andere darüber entscheiden, was vernünftig und richtig für uns ist. Beim Lesen musste ich an den gesellschaftlichen Druck zur Selbstoptimierung denken, an den Wunsch, leistungsfähig zu bleiben, und an die Vorstellung, jedes Risiko müsse sich vermeiden lassen ... Natürlich ist unsere Gegenwart nicht mit der Diktatur der METHODE gleichzusetzen. Dennoch berührt der Roman einen empfindlichen Nerv: Wie viel Selbstbestimmung geben wir auf, wenn uns dafür Sicherheit versprochen wird? Und wer bestimmt, welches Leben als gelungen gilt? Dass „Corpus Delicti“ aktuell durch eine Verfilmung erneut Aufmerksamkeit erhält und in diesem Zusammenhang neu aufgelegt wurde, erscheint mir folgerichtig, hat der Roman doch nichts von seiner Aktualität verloren, denn seine Fragen sind keineswegs abschließend beantwortet! Wer sich intensiver mit dem Werk beschäftigen möchte, findet zudem mit dem Taschenbuch „Fragen zu Corpus Delicti von Juli Zeh“ (ebenfalls 2025 bei btb erschienen) einen begleitenden Kommentar. In Form eines fiktiven Interviews geht die Autorin auf Fragen zu Entstehung, Handlung und Figuren ein und führt die Auseinandersetzung zu grundsätzlichen Überlegungen über unser Menschenbild und unser gesellschaftliches Zusammenleben weiter. Was ich aus der Lektüre mitnehme, ist weniger eine eindeutige Warnung als eine Einladung, genauer hinzusehen, denn Freiheit bedeutet auch Unsicherheit. Sie schließt Irrtümer ein, Widersprüche und Entscheidungen, die sich nicht vollständig berechnen lassen. Eine Gesellschaft muss diese Unvollkommenheit aushalten können, wenn sie den Menschen nicht auf einen funktionierenden Körper reduzieren will. „Corpus Delicti“ ist für mich ein unbequemes, gedanklich anregendes Buch, das nicht jede literarische Schwäche hinter seiner wichtigen Thematik verbergen kann. Aber es stellt Fragen, die bleiben: Was macht ein Leben lebenswert? Und was geschieht, wenn wir vor lauter Sorge um unsere Gesundheit vergessen, dass wir vor allem frei leben möchten? Denn ein gesunder Körper ist noch keine freie Seele …

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Katja
Filiale Innsbruck
Trost
Angelika Klüssendorf
Trost

Rita steht im Morgenmantel vor ihrer Haustür: Der Januarmorgen ist hell, der Mond fast verschwunden … Und dann verschluckt sie ein Insekt; wenige Augenblicke später liegt sie im Koma! Ein winziger Zufall – und plötzlich gerät ein ganzes Leben aus dem Gleichgewicht: eine brüchig gewordene Liebe, eine Familie voller Risse, eine siebzehnjährige Stieftochter auf der Suche nach sich selbst und ein Mann, der mit Nähe weniger anfangen kann als mit ihrer Abwesenheit. Dieser Anfang hat mich sofort in den Roman gezogen – und zwar nicht, weil er spektakulär wäre, sondern weil Angelika Klüssendorf dem Zufall etwas Unheimliches gibt: Ein winziger Augenblick genügt nämlich, und das, was eben noch selbstverständlich schien, ist nicht mehr verfügbar … Rita verstummt danach; und gerade darin liegt für mich die eigentliche Kraft dieses Romans, denn je weniger sie selbst tun und sagen kann, desto stärker wird ihre Anwesenheit. Die Menschen um sie herum beginnen, sich an ihr entlang zu erinnern, zu rechtfertigen, sich zu entfernen und wieder anzunähern. So wird Rita zur stillen Mitte eines Buches, in dem es um die Frage geht, was von einem Menschen bleibt, wenn er selbst nicht mehr antworten kann. Rita lebt mit Joachim auf einem alten Bauernhof in Brandenburg, liebt ihren Kaffee am Morgen, ihre Zigaretten, Blumen, das Schwimmen, die Natur und ihre Hühner. Auch Joachim gehört noch zu diesem Leben – aber seine Abwesenheit ist ihr inzwischen fast lieber als seine Gegenwart; dabei ist ihre Beziehung nicht mit einem großen Knall zerbrochen, sondern ist einfach leiser geworden, dünner, bis aus Nähe Gewohnheit und aus Gewohnheit Gereiztheit wurde … Gerade diese stille Erosion hat mich berührt, denn Angelika Klüssendorf braucht keine großen Szenen: Ein Blick, ein Satz, eine nicht gemachte Bewegung genügen – und darin liegt etwas unangenehm Vertrautes: Beziehungen zerbrechen manchmal nicht an einem einzigen Ereignis, sondern daran, dass zwei Menschen einander immer weniger erreichen. Dann kommt Jane, Ritas siebzehnjährige Stieftochter; für mich ist sie die Figur, durch die der Roman am stärksten atmet, denn sie steht selbst an einer Schwelle: Abitur, Freundschaft, Ablösung, die tastende Frage, wer sie eigentlich sein möchte. Und während sie versucht, erwachsen zu werden, liegt Rita im Koma und draußen beginnt ein Krieg … Angelika Klüssendorf erzählt das Jahr 2022 nicht als großes Zeitpanorama; nein, Corona und der Krieg in der Ukraine bleiben eher im Hintergrund – und sickern doch überall ein! Sie verstärken ein Lebensgefühl, das Jane längst kennt: dass Sicherheiten plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind; dabei weiß sie noch nicht, wie man mit Verlust, Angst und Überforderung lebt. Aber sie versucht es … Sie sitzt bei Rita, hält ihre Hand, wartet, denn mehr kann sie nicht tun – und vielleicht ist genau das schon Trost: nicht die richtige Antwort zu kennen, sondern trotzdem dazubleiben! Joachim dagegen flieht: vor Rita, vor ihrem Körper im Krankenhaus, vor dem Stillstand, vor dem eigenen Alter und vielleicht auch vor dem, was zwischen ihnen längst nicht mehr stimmt. Während der Lektüre fand ich ihn oft schwer auszuhalten – und doch konnte ich ihn nicht einfach verurteilen, denn Angelika Klüssendorf lässt ihn in seiner Widersprüchlichkeit stehen: Ihre Figuren sind keine Urteile, sondern Menschen, die sich selbst nicht immer verstehen. Dazu passt ihre Sprache: knapp, lakonisch, manchmal spröde. Beim Lesen mochte ich diese Zurückhaltung der Autorin, denn Gefühle werden selten ausgestellt und ein kleiner Satz kann plötzlich einen ganzen Abgrund öffnen. Am stärksten ist der Roman dort, wo Angelika Klüssendorf ihren Figuren nichts erklärt, sondern ihnen erlaubt, in ihren Gesten und ihrem Schweigen sichtbar zu werden. Und dann sind da die Hühner: Sie scharren und picken, während die Menschen sich verlieren. Ich habe sie beim Lesen immer wieder vor Augen gehabt – vielleicht, weil sie nichts wissen von dem, was geschieht, sondern einfach weiter leben! Etwas bleibt in Bewegung, obwohl ein Mensch stillliegt. So klingt der Titel „Trost“ zunächst fast zu weich für dieses Buch, doch meint Angelika Klüssendorf damit keine Erlösung … Trost ist etwas Kleines: eine Hand, die gehalten wird, jemand, der die Hühner versorgt, ein Mensch, der bleibt, obwohl er nichts mehr reparieren kann. Ich habe „Trost“ deshalb nicht als tröstliches Buch empfunden, sondern eher als eines, das mich daran erinnert hat, wie wenig wir einander manchmal geben können – und wie viel gerade darin liegen kann, nicht wegzugehen … Am Ende bleibt Rita für mich als eine Frau, die fast den ganzen Roman über schweigt und doch immer gegenwärtig ist: Sie fehlt – und bestimmt gerade dadurch die Menschen, die zurückbleiben. Und vielleicht ist das Schönste an diesem Buch, dass Angelika Klüssendorf aus diesem Fehlen keine Antwort macht, sondern es stehen lässt. Und lässt uns damit allein – aber nicht ganz …

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Katja
Filiale Innsbruck
Nullzeit
Juli Zeh
Nullzeit

Ich habe „Nullzeit“ mit einer besonderen Aufmerksamkeit gelesen, die sich im Laufe der Lektüre immer mehr zu einer Faszination für die Vielschichtigkeit menschlicher Wahrnehmung entwickelte. Je weiter ich in die Geschichte eintauchte, desto häufiger hinterfragte ich meine eigenen Einschätzungen: War Sven tatsächlich der unbeteiligte Beobachter, als den er sich darstellte? Welche Rolle spielte Jola in diesem Geflecht aus Nähe, Begehren und Abhängigkeit? Und wie sehr lassen wir uns von der ersten Geschichte beeinflussen, die wir hören? Genau darin liegt für mich die besondere Wirkung dieses Romans: Juli Zeh lädt dazu ein, hinter die Oberfläche zu blicken, ohne vorschnelle Antworten zu geben. Die Spannung entsteht weniger aus äußeren Ereignissen als aus dem allmählichen Wandel der eigenen Wahrnehmung; ja, selbst die stillen Momente scheinen von einer unterschwelligen Bewegung erfüllt, als würde sich unter einer ruhigen Oberfläche eine ganz eigene Wirklichkeit entfalten. Im Mittelpunkt steht Sven, der auf Lanzarote als Tauchlehrer lebt und sich bewusst von seinem früheren Leben in Deutschland distanziert hat. Er schätzt Ruhe, Unabhängigkeit und den Abstand zu den Angelegenheiten anderer Menschen. Mit Antje führt er eine Beziehung, die von Vertrautheit und Beständigkeit geprägt ist. Sein Leben scheint überschaubar – ein selbst gewählter Rückzugsort, an dem die Dinge ihren geregelten Lauf nehmen. Mit dem Auftauchen von Jola und Theo gerät diese Ordnung in Bewegung: Jola, eine Schauspielerin, die sich auf eine neue Rolle vorbereitet, ist eine faszinierende und zugleich schwer greifbare Persönlichkeit, denn in ihr verbinden sich Verletzlichkeit, Ehrgeiz und ein ausgeprägtes Gespür für die Wirkung, die sie auf andere ausübt. Ihre Beziehung zu Theo ist von intensiven Gefühlen geprägt, in denen Liebe, Abhängigkeit und Macht eng miteinander verwoben sind. Sven, der sich eigentlich aus den Angelegenheiten anderer heraushalten möchte, wird zunehmend Teil dieses Beziehungsgeflechts – und dabei zeigt sich, dass auch der Wunsch nach Distanz eine Haltung ist, die Konsequenzen haben kann. Besonders beeindruckt hat mich die Erzählstruktur des Romans, denn Svens Bericht wird immer wieder durch Jolas Tagebucheinträge ergänzt, die eine zweite Perspektive eröffnen. Was zunächst Klarheit verspricht, führt nach und nach zu neuen Fragen … Die beiden Stimmen ergänzen sich, widersprechen einander und verschieben immer wieder den Blick auf die Ereignisse. Als Leserin oder Leser ist man eingeladen, die unterschiedlichen Darstellungen miteinander in Beziehung zu setzen und sich ein eigenes Bild zu machen. Für mich liegt darin eine der größten Stärken des Romans, interessiert sich Juli Zeh doch nicht allein dafür, was geschehen ist, sondern auch dafür, wie Geschichten entstehen und unsere Wahrnehmung beeinflussen. Wer erzählt, setzt Akzente, ordnet Erinnerungen und prägt, wie Menschen und Ereignisse beurteilt werden. So wird „Nullzeit“ zu mehr als einem psychologischen Thriller: Der Roman handelt auch von Verantwortung, subjektiver Wahrheit und der Schwierigkeit, menschliches Handeln eindeutig einzuordnen. Eine besondere Atmosphäre entsteht durch die Verbindung der Handlung mit der Unterwasserwelt, da das Tauchen weit mehr als Svens beruflicher Hintergrund ist; es wird zum Sinnbild für die psychologischen Vorgänge zwischen den Figuren: Unter Wasser verändern sich Wahrnehmung und Orientierung ... Stille, Konzentration und gegenseitiges Vertrauen gewinnen an Bedeutung. Man ist auf die eigene Ausrüstung ebenso angewiesen wie auf die Menschen an seiner Seite! Vertrauen schafft Nähe, macht aber zugleich verletzlich. Die Unterwasserwelt spiegelt damit die Atmosphäre des gesamten Romans: Was an der Oberfläche ruhig und klar erscheint, kann in der Tiefe eine andere Gestalt annehmen. Dieses Bild hat mich während der Lektüre begleitet und verleiht der Geschichte eine zusätzliche symbolische Ebene. Was mir von „Nullzeit“ am nachhaltigsten in Erinnerung bleiben wird, ist die Frage, wie verlässlich unsere eigene Wahrnehmung tatsächlich ist. Wie schnell bilden wir uns ein Urteil? Wie bereitwillig vertrauen wir einer Erzählung, wenn sie schlüssig erscheint? Und wie oft übersehen wir dabei, dass jede Perspektive nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt? „Nullzeit“ ist deshalb für mich ein faszinierender Roman über Verführung, Macht und die Unsicherheit menschlicher Wahrnehmung. Besonders reizvoll fand ich, wie Juli Zeh die Grenzen zwischen Beobachtung und Beteiligung, Erinnerung und Deutung, Wahrheit und subjektiver Wirklichkeit auslotet. Die Lektüre hat mich dazu gebracht, meine eigenen Urteile immer wieder zu überprüfen. Vielleicht ist es gerade das, was ein Buch nachhaltig macht: Es endet nicht mit der letzten Seite, sondern wirkt in Gedanken weiter – und wie beim Tauchen verändert sich der Blick mit zunehmender Tiefe! Und wenn man schließlich wieder auftaucht, betrachtet man die Welt vielleicht mit etwas anderen Augen …

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Katja
Filiale Innsbruck
Wir müssen wahre Sätze finden
Ingeborg Bachmann
Wir müssen wahre Sätze finden

Ingeborg Bachmann misstraute den Worten, gerade weil sie wusste, wie viel von ihnen abhängt; sie wusste, dass Sprache nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern sie auch verschleiert, dass in den vertrautesten Sätzen Gewalt wohnen kann und dass die großen Katastrophen bisweilen in den kleinsten, unscheinbarsten Beziehungen beginnen. Wer die Gespräche liest, die der Kampa-Verlag unter dem Titel „Wir müssen wahre Sätze finden“ versammelt hat, begegnet einer Schriftstellerin, die sich mit einfachen Antworten nicht zufriedengibt. Sie denkt gegen die Phrasen ihrer Zeit an, widerspricht ihren Gesprächspartnern und beharrt auf der Genauigkeit des Ausdrucks. Dabei zeigt sich eine Ingeborg Bachmann, die weniger geheimnisvoll ist, als ihr Ruf vermuten lässt, dafür umso entschiedener in ihrem Denken – und von einer Gegenwärtigkeit, die bisweilen schmerzt. Bachmanns Denken kreist um eine verstörende Erkenntnis: Die Gewalt beginnt nicht erst dort, wo Geschichte sich in Katastrophen entlädt. Sie beginnt viel früher, im vermeintlich Privaten, in Beziehungen, in denen Menschen einander beherrschen, verletzen und zum Verschwinden bringen. Der Faschismus ist in Bachmanns literarischer Welt nicht nur ein politisches System, sondern auch eine Möglichkeit des Alltäglichen. In „Malina“, dem einzigen vollendeten Roman ihres unvollendeten Todesarten-Projekts, wird diese Erkenntnis zur existenziellen Erfahrung. Ein namenloses Ich verliert sich in den Beziehungen zu Malina und Ivan, bis am Ende nur ein Riss in der Wand bleibt. Ein erschreckendes Bild: als hätte die Gewalt nicht nur einen Menschen vernichtet, sondern auch die Sprache ausgelöscht, mit der sich seine Vernichtung erzählen ließe. In den Interviews wird deutlich, wie bewusst Bachmann diesen Zusammenhang durchdringt. Sie spricht über Literatur, Liebe und Gesellschaft, ohne sich mit fertigen Antworten zufriedenzugeben. Besonders eindringlich ist ihre Skepsis gegenüber der Sprache selbst. Die Worte, die uns zur Verfügung stehen, sind für sie vielfach zu Phrasen erstarrt, zu verbrauchten Hüllen, in denen das Denken nicht mehr stattfindet. Ein Schriftsteller dürfe sich deshalb nicht einfach der vorgefundenen Sprache bedienen, sondern müsse sie „zerschreiben“. Darin liegt für mich ein Schlüssel zu ihrem Werk: Wahrheit lässt sich nicht aus dem Vorrat vertrauter Begriffe holen. Sie muss gesucht, geprüft und sprachlich immer wieder neu errungen werden. Wie wenig Bachmann bereit war, sich mit dem Erwartbaren zufriedenzugeben, zeigen ihre Antworten auf die Fragen ihrer Interviewer. Wo andere bereitwillig über ihre gesellschaftliche Haltung Auskunft geben oder sich in literaturkritischen Formeln wiederfinden würden, widerspricht sie, weicht aus oder legt die Schwächen der Frage offen. Manchmal genügt ihr ein einziger Satz, um die Fassade eines Gesprächs zum Einsturz zu bringen. Darin liegt eine beinahe heitere Freude an intellektueller Unabhängigkeit, denn Ingeborg Bachmann ist hier keine entrückte Sphinx, als die sie mitunter stilisiert wurde, sondern eine Frau, die genau weiß, was sie sagen will – und vor allem, was sie nicht sagen wird. Ihre Kürze ist keine Leere, sondern Widerstand! Auch ihre Gedanken über die Liebe sind von jener schmerzhaften Klarheit, die ihr Schreiben auszeichnet. Wenn sie erklärt, Liebe sei ein Kunstwerk, das nur wenige Menschen beherrschten, klingt darin Sehnsucht ebenso an wie Ernüchterung. Die Liebe erscheint als Möglichkeit eines anderen Lebens und zugleich als etwas, dem die bestehende Welt keinen Platz lässt. Bachmann betrachtet das Scheitern nicht bloß als privates Unglück. Sie fragt nach den Verhältnissen, die Menschen deformieren, nach den Machtstrukturen, die selbst das Intimste durchziehen. Das Buch hat mich fasziniert, denn es zeigt, was Ingeborg Bachmanns Stimme zu geben vermag. Ihre Gedanken sind nicht abgeschlossen, ihre Fragen nicht erledigt. In einer Gegenwart, in der politische Schlagworte die Auseinandersetzung oft ersetzen und private Beziehungen keineswegs frei von Macht und Gewalt sind, wirkt ihr Beharren auf sprachlicher Wahrhaftigkeit dringlicher denn je. So ist „Wir müssen wahre Sätze finden“ für mich in diesem Bachmann-Jahr 2026 mehr als eine Ergänzung zu einem großen Werk, sondern vielmehr eine Einladung, einer Denkerin beim Denken zuzuhören – und sich dabei selbst nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Vielleicht beginnt Wahrheit tatsächlich dort, wo wir aufhören, das längst Gesagte zu wiederholen. Dass Ingeborg Bachmann uns dies auch hundert Jahre nach ihrer Geburt noch abverlangt, ist das größte Glück dieser Lektüre!

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Goodbye, Honeysuckle
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Goodbye, Honeysuckle

„Wenn man keine Mutter hat, weiß man nicht genau, wer man ist.“ Endlich ein neuer Roman der von mir sehr geschätzten Tayari Jones! Vernice und Annie sind „Wiegenfreundinnen“, seit sie beim Lächeln ihre Milchzähne zeigten. Sie sind zwei mutterlose Mädchen und werden von allen bemitleidet, aber während man sich an Vernice‘ Mutter als „das arme Ding“ erinnert, das vom eigenen Ehemann erschossen wurde, ist es bei Annies Mutter das Wort „leichtfertig“, das den Leuten in Honeysuckle in den Sinn kommt. Vernice wird von ihrer Tante Irene aufgezogen, Annie lebt bei ihrer Großmutter, und auch wenn sie versorgt werden – bemuttert werden sie nie. Aber während Vernice ein Album mit neunzehn Bildern ihrer toten Mutter besitzt, hat Annie nur ein einziges Bild von Hattie Lee, die verschwunden ist, bevor Annie sich selbstständig aufsetzen konnte. Dieses Drama, dieses Trauma rund um die nicht anwesenden Mütter ist der rote Faden, der sich durch das Leben der beiden Freudinnen zieht, auch als sich ihre Wege in den 1960er Jahren trennen. Ihre Geschichten verlaufen ganz unterschiedlich – Vernice geht nach der Highschool nach Atlanta aufs College, Annie haut eines Nachts ab nach Memphis, in der Hoffnung, dort ihre verschollene Mutter zu finden –, aber trotz der Trennung bleibt ihre Freundschaft bestehen. Nachzulesen in berührenden Briefen, die die beiden über die Jahre wechseln. Diese beiden jungen Frauen haben mich sehr beeindruckt, vor allem die auf den ersten Blick so schüchtern wirkende Vernice. Sie erlebt in Atlanta eine erste Liebe, die eine verbotene ist, und findet sich schließlich in einer Ehe wieder, bei der man zuerst nicht weiß, ob sie nur ihrem Wunsch nach Sicherheit und einer eigenen Familie geschuldet ist. Ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung ist beeindruckend, genauso wie ihre Entwicklung über die Jahre. Am Ende der Geschichte erweist sie sich als sehr, sehr mutige junge Frau, die eine gewagte Entscheidung trifft. Aber auch Annie ist eine spannende Figur. Ihre Zerrissenheit und der besessene Wunsch, endlich ihre Mutter zu finden, fand ich sehr gut dargestellt und nachvollziehbar. „Goodbye, Honeysuckle“ ist ein wunderbarer Roman über Wurzeln, Herkunft und Identität und darüber, was eine Familie und eine Freundschaft ausmacht. Nicht umsonst lautet der Originaltitel „Kin“ – Verwandtschaft. Vielleicht geht es viel öfter gar nicht um Bluts-, sondern um das, was wir Seelenverwandtschaft nennen. Und auch die historischen Hintergründe sind spannend, einfach nur gut und erschütternd: der tägliche Rassismus, dem die beiden jungen Schwarzen Frauen Tag für Tag ausgesetzt sind, und ihr Aufbegehren dagegen, die strikte Rassentrennung der damaligen Zeit in den Südstaaten. Für mich beste Unterhaltung mit einem ernsten Hintergrund. Toll zu lesen!

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Harrys is back! Nach 4 langen Jahren der Abstinenz gibt wieder etwas Neues vom Norwegischen Superermittler. HH versucht sich mittlerweile als Versicherungsdetektiv. Bei seinen Ermittlungen zu einem möglichen Selbstmord eines bekannten Geschäftsmannes nützt er seine Verbindungen zu seinen alten Polizeikontakten. Zeitgleich ermittelt seine ehemalige Kollegin Katrine Bratt und sein Stiefsohn in mehreren Mordfällen. Schon bald stellt sich heraus, dass es sich bei allen Taten möglicherweise um den gleichen Verdächtigen handelt.

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Hannes lebt mit seiner Mutter Fritzi und dem alten Heinrich Hildebrand in einer leicht verfallenen Villa in der Nähe eines Moores. Er ist ein stiller Junge mit einer ganz besonderen Gabe: er spielt nicht einfach nur Klavier – nein, er lebt das Klavier. „So drömelig der Junge mit allem anderen war, so schnell begriff er am Klavier. Er konnte bald ganze Sonaten auswendig… und als der alte Hildebrand ihn fragte, wie er das alles erinnere, sah Hannes ihn erstaunt an…, als verstünde er die Frage nicht." Hannes sagt mit dem Klavier, was er mit Worten nicht sagen kann. Polina, die Tochter von Fritzis bester Freundin, ist das Mädchen, das irgendwie immer dazu gehört. Kindheitsfreundin, erste Teenagerliebe, Seelenverwandte, auch wenn Hannes oft denkt, dass sie ihn viel weniger braucht als er sie. Als Hannes vierzehn ist, schreibt er für sie eine Melodie, eine Art klanggewordene Liebeserklärung. Doch das Leben schlägt zu – mit einem Schicksalsschlag, der Hannes alles nimmt: seine Mutter, sein Zuhause, seine Musik. Und auch Polina. Jahre später ist Hannes ein Mann, der funktioniert. Er arbeitet als Klavierträger, aber Klavier spielt er nicht mehr. „Musik zu machen, wie früher im Moor, als er glücklich gewesen war, ohne je darüber nachzudenken, was Glück bedeutet… das erfüllte ihn mit einer alles verschluckenden Trauer. – Das einzige, was seinem Kummer gerecht wurde, war die Stille.“ Trotz seines guten Freundes Bosch und seiner Beziehung zu Leonie – bei der sich nicht nur man selbst während des Lesens, sondern auch Hannes immer wieder wundert, was sie, der der Genitiv so wichtig ist, an einem mittellosen, halb invaliden (Klaviere sind schwer, Bandscheibe!) Möbelpacker findet – ist es ein einsames Leben. Doch eines Tages passiert etwas, das Hannes die Musik zurückgibt – und vielleicht bringt ihm das auch Polina zurück? Mir hat dieser Roman unglaublich gut gefallen! Besonders berührend sind die Teile der Geschichte, die in der alten Villa und der sturmzerzausten Moorlandschaft spielen. Das wurmzerfressene Klavier im Speisesaal, der gemalte blaue Kranich auf dem Gartenschuppen, eine Mutter wie Fritzi Prager und der alte Zausel Hildebrand – das hat schon beinahe etwas märchenhaftes. „Für Polina“ ist ein schmales Buch über eine riesengroße Liebe und über einen ganz besonderen Jungen, der am Klavier versucht, die Welt zu reparieren – eine zauberhafte Geschichte über die Hoffnung, ohne die das Leben unerträglich wäre, über die Hoffnung, dass am Ende alles gut werden wird, trotz aller Irrungen und Wirrungen und aller Fehler, die man gemacht hat. Hannes‘ Klavierlehrerin Clotilde sagt es in perfekten Worten: Klavierspielen ist nicht als Hobby zu begreifen, sondern als das, was es wirklich ist: Das Einzige, das einen über die Absurditäten des Lebens hinwegtrösten kann. Ein Buch für alle, die glauben, dass Musik manchmal mehr sagen kann als Worte.

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Hier nun der zweite Band in der Neuauflage der Rebus Romane im Kampa Verlag: Nachdem im ersten Band die Charaktere mehr oder weniger eingeführt wurden, legt Ian Rankin nun so richtig los. Die Protagonist*innen werden ab jetzt dem Feinschliff unterzogen, die Dialoge sprühen vor Witz, die Konturen werden geschärft, und der Plot wird komplexer. Diesmal haben wir es mit einem Mord im Drogenmilieu zu tun, und Rebus lässt nicht locker, bis er in die tiefsten Untiefen der Edinburgher Oberschicht vorgedrungen ist, um dann resigniert zu erkennen, dass in diesem Fall wohl nicht die Gerechtigkeit siegen wird. Ian Rankin läuft hier bereits zu Topform auf und fesselt mit toller Personenzeichnung und gesellschaftskritischen Akzenten!

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Haltet euch fest
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„Das Haus beschützt. Das Haus entscheidet mit, wer reindarf. Das Haus wurde mit Liebe gebaut und lässt nur Liebe zu.“ Die Geschichte vom Haus beginnt 1978. Frieda und Sigrid – zwei junge Frauen, beide gefangen in einer Ehe mit einem gewalttätigen Partner – sind die beiden, die das tun, was Frauen im Leben tun sollten: Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, eine Tochter bekommen. Eine Tochter hat die eine schon, und um sie vor den Übergriffen des Vaters zu schützen und sich selbst von ihren Männern zu befreien, wagen sie einen mutigen Schritt. Sigrid und Frieda sind die, die nie an ihrer Idee und ihrer Utopie gezweifelt haben, und deswegen gibt es das Haus auch jetzt noch, in unserer Gegenwart. Noch immer ist es das Zuhause für eine große bunte Wahlfamilie, fernab von der heteronormativen Kleinfamilie, und Zuflucht für diejenigen, die sonst nicht wissen wohin. Mitunter auch für die, die vorher noch gar nicht wussten, dass sie überhaupt eine brauchen, eine Zuflucht. „Wenn du an einen Ort wie diesen kommst, musst du in der Lage sein, Chaos auszublenden… Alle sehen alles, alle hören alles, und dennoch fügen sich die Einzelnen unbemerkt in das Gesamte ein.“ Sigrid und Frida, Mama Charlotte und Mama Lena, Papa Paul und Papa Jerome, Luzia, Marle, Oskar, Henryka und Blue Boy und viele, viele mehr sind die, die das Haus zu dem machen, was es ist. Und das Haus macht sie zu dem, was sie sind. Zu weltoffenen, toleranten Menschen, die sich gegen strukturelle Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen, Kampfgeist und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben. Manches war mir persönlich stellenweise fast ein bisschen zu viel, z.B. als auch noch die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern in der Medizin und das Thema Wechseljahre mit „abgearbeitet“ wurden. Klar, wichtige Themen, aber mir an manchen Stellen ein Tick zu viel political correctness. Da dachte ich mir dann schon auch so manches Mal, dann könnten die rauchenden Frauen in dieser Utopie doch auch so achtsam und korrekt mit ihrer Umwelt umgehen, dass sie ihre Kippen nicht jedes Mal achtlos in der Gegend fallen lassen. Das sind aber auch meine einzigen Kritikpunkte. Die Geschichte vom Haus ist die Geschichte einer Idee, die von Luzia und den anderen nach draußen getragen wird, „damit Menschen verstehen, dass es viele, viele Möglichkeiten gibt, ein Miteinander zu gestalten.“ Die für mich stärkste Stelle: „Wir sind die Lassdichhiernichtmehrblickenkinder, die Ichenterbedichjugendlichen, die Dubistfürmichgestorbensöhne und die dubistselbstschuldtöchter, wir sind die Verlorenen und die Verfluchten und die Versündigten, wir sind die Gestorbenen, die Nichtbehandelten, die Weggeschickten, bei denen niemand sich anstecken wollte, wir sind hier, wir sind hier, hier sind wir, wir sind das Haus, wir sind das Haus, und das Haus ist wir. Von all diesen Menschen handelt „Haltet euch fest“ und für all diese Menschen ist dieses Buch. Meinen Respekt für diesen Roman, Mareike Fallwickl!

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Maxie
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Broder
Dörte Hansen
Broder

Einer der Höhepunkte in einem Literaturjahr ist immer der Moment, wenn nach längerer Wartezeit endlich, endlich, endlich wieder ein Roman von der großartigen Dörte Hansen erscheint. „In jedem Dorf gibt es den einen großen Hof, der alle anderen klein und stümperhaft erscheinen lässt.“ Hier ist es der Hof der Familie Bahnsen, eine tüchtige Familie, die alles richtig macht: Das Haus und der Garten gepflegt, prämierte Hochleistungsrinder im Stall, „sogar die Kinder scheinen besser zu gedeihen als bei anderen, als wären sie, so wie die Rinder, auf Erfolg gezüchtet. Alle guten Merkmale vererbt und die paar schlechten durch Erziehung wettgemacht.“ Auf diesem Hof sind die Zwillinge Henning und Broder aufgewachsen, und natürlich ist es Henning, der um wenige Minuten Ältere, der den Hof übernommen hat, und Broder, der jüngere, musste das ertragen. Denn „Ertrag kommt von Ertragen“ – von allen Glaubenssätzen, die der Vater seinen Söhnen mitgegeben hat, ist das der schlimmste und der ehrlichste. Und er gilt für beide: Mensch und Tier. Dabei hat es Broder lange Jahre nichts ausgemacht, dass er der Zweite war, lange Zeit wollte er nie etwas anderes sein, als Hennings Zwilling, Broder Bahnsen, Bruder von. Die ganze Schulzeit waren sie „die Zwillinge, und manche nannten sie die Henninge. Nicht mal das hat ihn gestört… Fast zwanzig Jahre hat ihm das Wir gereicht, er brauchte gar kein Ich.“ Und dabei gehört ihm doch nicht mal sein Name – Broder, plattdeutsch für Bruder – allein. Denn man konnte damals noch aus allen Wolken fallen, wenn man Zwillinge bekam. „Dann hatte man kein Bettzeug für das zweite Kind, auch keine Wiege, keinen Kinderwagen. Keinen Namen!“ Und so kam es, dass sie ihn einfach nannten wie das totgeborene Kind drei Jahre zuvor, „weil sie so überrumpelt von ihm waren.“ Es sind Sätze wie diese, die sich einem einbrennen, die ein bisschen bitter sind und zugleich wunderschön; Sätze, die zeigen, dass Hansen eine Meisterin der knappen und oft kargen Sätze ist, hinter denen aber immer so viel mehr steckt. Sie beschreibt eindrücklich eine Welt, in der es schon mal Jahre dauern kann, bis etwas ausgesprochen wird, wo man ertragen oder gehen muss. Broder Bahnsen ist gegangen, er hatte es doch schon geschafft, wie seine Schwester Karen sagt, die schon seit fünfzig Jahren weit lebt, denn sie ist ja nur die Tochter, man zieht einen Bannkreis um den Hof, hält Abstand und wird ein anderer. Man denkt nicht so oft an seine Herde, „bis man sie eines Tages brüllen hört.“ Hansen erzählt vom Fortgehen und vom Wiederkommen, von den komplizierten Regeln und Gesetzen eines Dorfes und von einem ungleichen Brüderpaar, das zu zweit am besten ist. Nur geht es eben manchmal nicht zusammen. Für mich eines meiner Lese-Highlights in diesem Jahr!

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Maxie
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Hummerjahre
Beatrix Gerstberger
Hummerjahre

„Die Tage wurden wieder länger, und mit ihnen kam die Zuversicht zurück, dass etwas ganz Wunderbares auf sie alle wartete.“ Auf die Leserinnen wartet definitiv etwas Wunderbares, denn Beatrix Gerstbergers Roman „Hummerjahre“ bringt sie zurück nach Stone Harbor und Eagle Island in Maine. Von den Hummerfrauen ist nur noch eine übrig, und einsam ist es um sie geworden: Julie, die Zugezogene, ihr Herz immer noch so ungestüm und wild wie früher. Ihr Mann Nat, einer der wenigen, der fähig war, das zu sehen und zu lieben, ist schon seit vier Jahren tot, und ihre engste Freundin Ann, die erste Hummerfrau in Stone Harbor, lebt seit vier Monaten nicht mehr. Zum Glück springt auch dieser Roman wieder durch die Zeiten, so dass wir der wundervollen Ann in einigen Rückblenden doch begegnen, denn sie und Julie sind „zwei im besten Sinn außergewöhnliche Frauen.“ Auch Mina, die als junge Frau Zuflucht bei Ann und Julie gesucht hat, lebt schon seit vielen Jahren am anderen Ende des Landes, und sie fehlt Julie mehr, als sie zugeben möchte. Doch als der Frühling den langen und dunklen Winter ablöst und die Hummer sich aus den Tiefen des Atlantiks an die Küste zurückbewegen, kommt auch in Julies Leben wieder Bewegung. Denn Mina kommt mit ihren Eltern und ihrer Tochter nach Stone Harbor zurück, und so wird dieser beginnende Sommer für alle zu einer Reise in die Vergangenheit. Es ist eine Vergangenheit, die ihr Vater Richard verklärt, die ihre Mutter Judith hasst und die Mina selbst zutiefst verunsichert. Kann man an einen Ort zurückkommen, ohne wieder zu dem Menschen zu werden, der man dort einmal gewesen ist? In dem Zusammenhang muss ich zugeben: Die Faszination, die Sam immer noch auf Mina ausübt und die sie dazu bringt, ihr ganzes Leben in Frage zu stellen, konnte ich nicht nachvollziehen. Dafür war er mir zu wenig greifbar, blieb mir seine Figur zu blass, zu flach, und das führte dann dazu, dass mir auch Mina in weiten Teilen nicht mehr so richtig sympathisch war. Jedenfalls kehrt die Vergangenheit mit voller Wucht zurück, die Gefühle kochen hoch und alle müssen sich mit den Geschehnissen von damals auseinandersetzen, die ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher geteilt haben, mit Schuld und Scham und mit Trauer. Aber so wie sich ein Hummer häuten muss, um wachsen zu können, braucht es auch für Judith, Mina & Co diese „Häutung“, um weiterleben zu können. Wie beim Vorgänger-Band gilt auch hier: Umschlag abnehmen – zumindest ich finde die Gestaltung darunter noch viel schöner als die auf dem Cover.

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Gnadenopfer
Viveca Sten
Gnadenopfer

Wenn ich mich bisher gefragt habe, ob es wohl einen Grund geben könnte, endlich mal die schwedische Sprache zu erlernen, habe ich jetzt vielleicht die Antwort darauf gefunden. Denn endlich ist der fünfte Band der Åre-Reihe von Viveca Sten erschienen, und ich muss gleich zu Anfang sagen, dass das Ende so gemein ist, dass ich jetzt schon ganz nervös auf eine Fortsetzung warte. Was für ein Glück also, dass die Autorin selbst bei ihrer tollen Lesung gestern Abend verraten hat, dass es nicht nur diese Fortsetzung im Schwedischen längst gibt, sondern dass in ihrer Heimat kürzlich sogar schon der siebte Band veröffentlicht wurde. In Abhängigkeit davon, wie flott ihr deutscher Verlag jetzt mit den Übersetzungen weitermacht, könnte sich also mein Wunsch nach Schwedisch-Kenntnissen weiterentwickeln. Aber jetzt zum Buch. Obwohl es in Åre langsam Frühling wird, hat die angespannte Stimmung zwischen Hanna und Daniel ihren frostigen Tiefpunkt erreicht. Die versierte Leserin kennt dafür natürlich den wahren Hintergrund, und ich musste schon ein bisschen die Augen verdrehen, als er ihr in einer Art Aussprache den Grund dafür verrät. Eine lahme Erklärung, aber ich denke, soviel kann ich verraten: Die beiden raufen sich zusammen, und als der aktuelle Fall an Fahrt aufnimmt, herrscht endlich wieder ein einigermaßen normales Arbeitsklima in der Polizeidienststelle. Der Fall indes ist so spannend wie bedrückend – unter den alten Menschen in Åre, die vom privaten Pflegedienst Stjärnan betreut werden, häufen sich die plötzlichen Todesfälle. Bei Stjärnan hinterfragt das niemand, hier arbeitet man gewinnorientiert und jeder alte Mensch weniger macht den gestressten Mitarbeitern in ihrem engen Zeit-Korsett etwas weniger Arbeit, so brutal das auch klingen mag. In dem Zusammenhang sind die eingeschobenen Kapitel des sogenannten Gnadenengels, in denen Überlegungen angestellt werden, warum Schweden seine alten Menschen so schlecht behandelt und was ein Leben am Ende noch wert ist, durchaus als starke Gesellschaftskritik zu sehen, während die Teile, in denen der Gnadenengel sein Tun rechtfertigt, von mir mit zunehmender Beklemmung gelesen wurden. Sten ist wie üblich eine Meisterin der falschen Fährten, und ich muss gestehen, dass ich im Laufe der Handlung natürlich diverse Personen als Verdächtige ausgemacht habe, nur um dann vom wirklichen Gnadenengel doch ziemlich überrascht zu werden. Alles in allem wieder einmal ein toller Krimi, genau das richtige für ein paar herbstlich-gemütliche Lesestunden!

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Sommerhaus
Rachel Joyce
Sommerhaus

Ein wahnsinnig raffiniert konstruierter Roman! Die Ausgangslage: Vic Kemper, ein weltberühmter Maler, macht seinen vier erwachsenen Kindern eine sensationelle Mitteilung. Er wird im Alter von 76 Jahren noch einmal heiraten. Seine Auserwählte – die Liebe seines Lebens, wenn man ihm Glauben schenken darf – heißt Bella-Mae und ist mit ihren siebenundzwanzig Jahren um einiges jünger als seine eigenen Kindern. Als er kurz nach der Hochzeit unter mysteriösen Umständen in dem italienischen See, an dem das Sommerhaus der Familie liegt, ertrinkt, ist man als Leserin geneigt, in das Misstrauen der vier Geschwister einzustimmen. Irgendetwas kann hier nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, denn Vic kannte den See wie seine Westentasche und war ein hervorragender Schwimmer, und die frisch verwitwete Bella-Mae kann ihn doch unmöglich wirklich geliebt haben, sondern war nur auf sein immenses Vermögen und das Haus am See aus. Wurde sie wirklich von Vic noch zu Lebzeiten zu seiner Agentin gemacht, wieso ist sein Testament unauffindbar, was ist mit dem Gemälde, an dem er zuletzt gearbeitet hat und das sein Meisterwerk werden sollte, und was hat es mit dem dubiosen Laszlo auf sich, angeblich Bella-Maes Cousin, der gleich nach Vics Tod anfängt, mit ihr die Villa leerzuräumen? Aber was, wenn alles ganz anders ist? Rachel Joyce spielt gekonnt mit unseren Erwartungen – das, was wir nicht glauben können (oder wollen), kann auch nicht wahr sein – und es ist ebenso anrührend wie bittersüß, wie sich die vier Geschwister so nach und nach mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und endlich die Erkenntnis zulassen können, wie übermächtig ihr Vater stets gewesen ist, ein hausgemachter Gott, und welchen Verrat er wirklich an ihnen begangen hat. „Wenn jemand stirbt oder verschwindet, können wir nur Geschichten darüber erzählen, was vielleicht geschehen ist oder vielleicht als Nächstes hätte geschehen können. Und vielleicht geht es einfach nur um unser Bedürfnis nach Kontrolle, aber es ist einfacher, sich das Schlimmste vorzustellen, als einen Raum zuzulassen, in dem mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein können.“

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May We Feed the King
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Schön, dass es gleich drei Debuts auf die Shortlist des diesjährigen Booker Prize geschafft haben. Beginnen wir also mit Rebecca Perry und ihrem außergewöhnlichen historischen Roman "May we feed the King". Eine für ihre Detailverliebtheit bekannte Set Designerin wird anlässlich des 750 Jahr Jubiläums eines Schlosses eingeladen, die Räume nach ihren Vorstellungen für die Besucher*innen erfahrbar zu gestalten. Sie lässt das Haus auf sich wirken und muss sich nun für einen der Könige entscheiden, die hier residiert haben. Schließlich fällt ihre Wahl auf einen, der eigentlich nie König werden wollte, und über den nur eine klägliche Seite im Archiv zu finden ist. Intuitiv nähert sie sich an, und schwupps sind die Leser*innen in der Renaissance gelandet. Aus Überlieferung, Gerüchten und Fantasien entsteht ein faszinierendes Mosaik des Hoflebens, das dem jungen König wider Willen so gar nicht entspricht. Und so entzieht er sich, und schwupps sind wir wieder in der Gegenwart gelandet, wo die Künstlerin ihr Publikum nun befragt, wie wir zu einem möglichst genauen Geschichtsbild kommen können. Ein facettenreiches Buch, das auf jeden Fall preiswürdig ist!

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Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.