Tommie Goerz Im Schnee

Von der Schönheit und der Härte des einfachen Lebens, von der Gnade der Freundschaft und dem Moment des Verlusts
Der alte Max hat alle Zeit. Draußen vor dem Fenster legt sich der Schnee wie eine Decke über das Dorf. Da dringt das Läuten des Totenglöckchens durch die Stille. Es schlägt für den Schorsch, der viel mehr war als nur ein Freund, ein Leben lang. So macht sich Max am Abend auf zur Totenwacht, wo die Alten zusammenkommen, um des Verstorbenen zu gedenken und sich zu erinnern.

Eine ganze Nacht erzählen sie von den Freuden bei der Ernte, von Abenden in der Wirtsstube, vom kleinen Glück. Und vom Schorsch. Aber auch von der Enge im Dorf und dem eisigen Schweigen. Erst im Morgengrauen kehrt der Max heim. Im Licht des neuen Tages ist ihm klar: Nichts davon wird wiederkommen. Nur die Erinnerungen an dieses Leben bleiben, solange er da ist...

»Ein großes kleines Buch« Bayerischer Rundfunk

»›Im Schnee‹ von Tommie Goerz macht einfach glücklich. Die Geschichten und Anekdoten bringen eigene Erinnerungen zum Vorschein. Diesem Autor möchte man tagelang, ach was, ein Leben lang zuhören, weil er etwas in uns berührt, wie kaum ein anderer.« WDR 4 – Bücher

„Der Schorsch ist im Himmel und sonst nichts, und der liebe Gott ist ein Depp, wenn er nicht sieht, was der für ein Kerl war.“
Es ist ein langes Leben, das jetzt zu Ende gegangen ist, und während der langen Nacht der Totenwacht erinnern sich die Leute aus dem Dorf, vor allem die Alten, und lassen mit ihren Geschichten den Verstorbenen noch einmal so richtig aufleben.
Außer dem Hans, der noch Geschichten von früher weiß, die die meisten längst vergessen haben, ist es vor allem der Max, der alle Geschichten vom Schorsch kennt, denn er war sein Leben lang mit dem Schorsch zusammen gewesen, ihre Freundschaft hat begonnen, als sie noch ganz kleine Buben waren, fast wie Geschwister waren sie.
Man erzählt vom Dorfleben wie es früher war und von den alten Zeiten, in denen mehr geschwiegen wurde als beredet, denn die Regeln waren klar, und wenn man die Klappe hielt, sagte man auch nichts Falsches.
Man erinnert sich an die Traditionen, mit denen es irgendwann vorbei war, und an den guten Nusskuchen, den mit dem Karamell, den der Max immer gemacht hat.
Mit Tagesanbruch, dem ersten ohne den Schorsch, fragt sich der Max, wie es nun weitergehen wird. Nie wieder wird der Schorsch bei ihm Äpfel holen, nie wieder werden sie gemeinsam Tee trinken und im Garten, in der Werkstatt oder auf seinem Chaiselongue sitzen und gemeinsam den Vögeln lauschen, dem Knacken im Ofen oder dem Nichts. Aber irgendwie wird es weitergehen, denn „es ist immer weitergegangen. Irgendwie. Es würde auch nach ihm weitergehen. Und trotzdem war alles anders.“
Tommie Goerz beschreibt eindrucksvoll und in ganz schlichten, wunderschönen Worten das kleine Leben des alten Max, das noch so ist wie vor fünfzig oder siebzig Jahren, und ein niederbayerisches Dorf, in dem fast nur noch die Alten übrig sind und in dem die Zeit stehengeblieben scheint.
Aber wie sagt der Max? „Die Zeit stehen geblieben? Die rast doch wie nie, jeden Tag, man kommt ja kaum hinterher. Und meine Welt soll klein sein? Die ist so riesengroß, da komme ich ja selber gar nicht rum. Denk nur an den Tee. Was war da alles drin? Wegwarte, Fenchelsamen und Schafgarbe. Dazu Schlüsselblumen, Pfefferminze, dann Nachtkerzenblüten und Brennnessel, Lindenblüten, Thymian, Kornblumen, Rosenblüten … das alles ist aus meiner Welt. Das wächst da. Nur – in meiner kleinen Welt, da kennt man das auch alles, und du in deiner großen nicht…“
„Im Schnee“ ist ein kleines, großes Buch, sehr berührend, voll Zärtlichkeit und Trauer, voll von dem, was war, und dem, was bleibt, wenn wir uns erinnern.
Für mich war es genau das richtige Buch zur richtigen Zeit.