„Ich habe dich nicht darum gebeten, fortzugehen, hatte ich gesagt. Es war deine Entscheidung, und wenn du nicht nass werden wolltest, mein Lieber, hättest du dich nicht darauf einlassen sollen. Ich habe dich nicht ins Wasser gestoßen, und ich habe dich nicht aus deinem Dorf oder von deinem Acker oder aus deiner elenden Banlieue weggelockt, damit du in dieses verdammte, undichte Boot steigst, jetzt sitzt du in der Patsche, und ich glaube dir gern, dass du Angst hast, aber du tust so, als wäre es meine Schuld, ich soll dich retten, und du wirst auch noch ungeduldig. Du zählst auf mich. Dabei habe ich dich um nichts gebeten. Also lass mich meine Arbeit machen und gedulde dich.“
Mit diesen Sätzen stößt uns Vincent Delecroix hinein in die Handlung seines Romans „Schiffbruch“, der im Übrigen auf einer wahren Begebenheit beruht.
Es sind diese Sätze, die eine Offizierin der französischen Küstenwache nicht nur gedacht hat, sondern auch gesagt.
Gesagt zu einem der neunundzwanzig Migranten, der in einer Novembernacht innerhalb von zwei Stunden vierzehn Mal mit zunehmenden Verzweiflung von einem sinkenden Schlauchboot inmitten des Ärmelkanals aus die Küstenwache angerufen und um Hilfe gebeten hat.
Hilfe, die aufgrund einer Verkettung von Umständen – ob sie nun unglücklich gewesen sein mögen oder nicht – nicht geleistet wurde. Bis auf zwei sind alle Insassen des Bootes ertrunken.
Auf gut 150 Seiten können wir das Gespräch der Offizierin mit der Ermittlerin der Gendarmerie maritime mitverfolgen, wobei das Wort „Gespräch“ nicht korrekt ist, es ist ein bestürzender, schrecklicher, skandalöser Monolog.
Je weiter man liest, desto deutlicher wird, dass wir hier einem Selbstgespräch, einem inneren Monolog lauschen, der in weiten Stücken schwere Kost ist.
War wirklich menschliches Versagen der Grund dafür, dass diese Menschen sterben mussten?
Warum ertrinken Nacht für Nacht Männer, Frauen und Kinder im Ärmelkanal oder im Mittelmeer?
Reichen dieses eine menschliche Versagen, diese unterlassene Hilfeleistung dieser einen Novembernacht nicht viel weiter zurück, so dass man gut daran täte, herauszufinden, wann der Schiffbruch tatsächlich begonnen hat?
Ist die Offizierin der Küstenwache nicht nur das letzte Glied in der fatalen Kette aus Migrationspolitik, Schleusermafia, Kriegen und Hungersnöten?
Und was für eine Person ist diese Frau, die Nacht für Nacht dieselben Stimmen und dasselbe Flehen hört und die sich, wenn sie sich selbst im Spiegel betrachtet, fragt: „Was hast du getan, mein Gott, was hast du getan?“ Die sich ständig vorwerfen muss: „Du hast sie wie die Ratten krepieren lassen, weil es dir im Grunde scheißegal war, ob sie leben oder sterben, denn diese Menschen bedeuten dir absolut nichts.“
Gehört diese eingangs zitierte Stimme wirklich einer Kriminellen, einem Monster – oder ist sie nicht vielmehr die Stimme von uns allen?
„Während ich hier auf festen Boden stehe, sind da auch all die anderen, hinter mir – und es sind viele, Tausende, Millionen von Menschen. Alle stehen sie da, im Grunde die ganze Welt, die ganze Welt steht da mit mir am Ufer.“
Dieser schmale Roman sollte Pflichtlektüre für alle sein, die die Katastrophe vom sicheren Festland aus beobachten – um sich ein politisches und gesellschaftliches Versagen vor Augen zu führen, das als der wahre Schiffbruch betrachtet werden kann.
Vincent Delecroix Schiffbruch
»Ein Roman wie ein Schlag in die Magengrube.« International Booker Prize Jury
»Es gibt keinen Schiffbruch ohne Zuschauer ...« Es ist eine kalte Novembernacht 2021: Ein Schlauchboot mit 29 Migrant:innen ist von Frankreich nach Großbritannien unterwegs und kentert. Trotz zahlreicher per Handy abgesetzter Notrufe schickt die französische Offizierin der Seenotrettung keine Hilfe. Sie geht davon aus, dass das Boot im Ärmelkanal in Richtung britische Gewässer treibt, und teilt den Verzweifelten mit, sie müssten die Briten um Hilfe bitten. Als ein Rettungsboot schließlich am Unglücksort eintrifft, sind alle Menschen bis auf zwei ertrunken. Basierend auf dieser wahren Tragödie erzählt Vincent Delecroix jene dramatischen Stunden aus der Sicht der jungen Frau, die die Anrufe entgegennimmt. Ist sie schuldig am Tod der Menschen auf hoher See? Wie viel persönliche Verantwortung trägt sie? Oder ist es ganz anders: Machen wir uns alle mitschuldig, indem wir wegschauen?