Angelika Klüssendorf Trost

Das neue Buch der Bestsellerautorin von DAS MÄDCHEN, APRIL und JAHRE SPÄTER

Ein Jahr, das alles verändert: 2022. Angelika Klüssendorf erzählt von Liebe, Entzweiung und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Rita, Meisterin darin, sich in die falschen Männer zu verlieben, fällt plötzlich aus der Welt. Für die siebzehnjährige Jane bekommt das Leben erste Risse. Zu Rita, ihrer Stiefmutter, hat sie eine tiefe Bindung. Und wie soll sie mit einem Krieg umgehen, dessen Gewalt sie nicht begreifen kann? Wird ihre Freundschaft mit Lea dieses abgründige Jahr überdauern? Joachim, ein Analphabet in der Seelenliebe, begegnet dagegen mit Ende sechzig einer unverhofften Liebe, die er nicht hinterfragen muss.

Ein trotzig-heiterer Roman von beklemmender Aktualität, der nach Trost fragt in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. 

»Angelika Klüssendorf ist eine Meisterin darin, Erlebtes und Gedachtes zu einer glasklaren Prosa zu verbinden, so nachvollziehbar, dass man sich darin auch selbst wieder entdecken kann.« BR 2

»Es ist die besondere Mischung aus Empathie und Distanz, die Klüssendorfs Umgang mit ihren Figuren kennzeichnet. Sie enthält zuweilen eine Unterströmung sanfter Komik und hinterlässt eine nachhaltige Wirkung.« SZ

»Ein großer Roman über die deutsche Gegenwart und Befindlichkeit« FR

»Klüssendorf zeichnet die Entwicklung ihrer Figuren mit feinen Strichen, psychologisch genauem Blick und kühler Beobachtung.« DLF Kultur

»Angelika Klüssendorf schreibt in klaren Sätzen; lakonisch, aber nie kalt. Der Titel ›Trost‹ ist also ein Versprechen, das der Roman aufs Feinste einlöst.« NDR Kultur

»Die komplexe Unheimlichkeit menschlicher Beziehungen wird hier in eine einfache und dennoch vielschichtig schillernde Sprache gebracht.« NZZ

Rita steht im Morgenmantel vor ihrer Haustür: Der Januarmorgen ist hell, der Mond fast verschwunden … Und dann verschluckt sie ein Insekt; wenige Augenblicke später liegt sie im Koma! Ein winziger Zufall – und plötzlich gerät ein ganzes Leben aus dem Gleichgewicht: eine brüchig gewordene Liebe, eine Familie voller Risse, eine siebzehnjährige Stieftochter auf der Suche nach sich selbst und ein Mann, der mit Nähe weniger anfangen kann als mit ihrer Abwesenheit.
Dieser Anfang hat mich sofort in den Roman gezogen – und zwar nicht, weil er spektakulär wäre, sondern weil Angelika Klüssendorf dem Zufall etwas Unheimliches gibt: Ein winziger Augenblick genügt nämlich, und das, was eben noch selbstverständlich schien, ist nicht mehr verfügbar …
Rita verstummt danach; und gerade darin liegt für mich die eigentliche Kraft dieses Romans, denn je weniger sie selbst tun und sagen kann, desto stärker wird ihre Anwesenheit. Die Menschen um sie herum beginnen, sich an ihr entlang zu erinnern, zu rechtfertigen, sich zu entfernen und wieder anzunähern. So wird Rita zur stillen Mitte eines Buches, in dem es um die Frage geht, was von einem Menschen bleibt, wenn er selbst nicht mehr antworten kann.
Rita lebt mit Joachim auf einem alten Bauernhof in Brandenburg, liebt ihren Kaffee am Morgen, ihre Zigaretten, Blumen, das Schwimmen, die Natur und ihre Hühner. Auch Joachim gehört noch zu diesem Leben – aber seine Abwesenheit ist ihr inzwischen fast lieber als seine Gegenwart; dabei ist ihre Beziehung nicht mit einem großen Knall zerbrochen, sondern ist einfach leiser geworden, dünner, bis aus Nähe Gewohnheit und aus Gewohnheit Gereiztheit wurde …
Gerade diese stille Erosion hat mich berührt, denn Angelika Klüssendorf braucht keine großen Szenen: Ein Blick, ein Satz, eine nicht gemachte Bewegung genügen – und darin liegt etwas unangenehm Vertrautes: Beziehungen zerbrechen manchmal nicht an einem einzigen Ereignis, sondern daran, dass zwei Menschen einander immer weniger erreichen.
Dann kommt Jane, Ritas siebzehnjährige Stieftochter; für mich ist sie die Figur, durch die der Roman am stärksten atmet, denn sie steht selbst an einer Schwelle: Abitur, Freundschaft, Ablösung, die tastende Frage, wer sie eigentlich sein möchte. Und während sie versucht, erwachsen zu werden, liegt Rita im Koma und draußen beginnt ein Krieg …
Angelika Klüssendorf erzählt das Jahr 2022 nicht als großes Zeitpanorama; nein, Corona und der Krieg in der Ukraine bleiben eher im Hintergrund – und sickern doch überall ein! Sie verstärken ein Lebensgefühl, das Jane längst kennt: dass Sicherheiten plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind; dabei weiß sie noch nicht, wie man mit Verlust, Angst und Überforderung lebt. Aber sie versucht es …
Sie sitzt bei Rita, hält ihre Hand, wartet, denn mehr kann sie nicht tun – und vielleicht ist genau das schon Trost: nicht die richtige Antwort zu kennen, sondern trotzdem dazubleiben!
Joachim dagegen flieht: vor Rita, vor ihrem Körper im Krankenhaus, vor dem Stillstand, vor dem eigenen Alter und vielleicht auch vor dem, was zwischen ihnen längst nicht mehr stimmt. Während der Lektüre fand ich ihn oft schwer auszuhalten – und doch konnte ich ihn nicht einfach verurteilen, denn Angelika Klüssendorf lässt ihn in seiner Widersprüchlichkeit stehen: Ihre Figuren sind keine Urteile, sondern Menschen, die sich selbst nicht immer verstehen. Dazu passt ihre Sprache: knapp, lakonisch, manchmal spröde. Beim Lesen mochte ich diese Zurückhaltung der Autorin, denn Gefühle werden selten ausgestellt und ein kleiner Satz kann plötzlich einen ganzen Abgrund öffnen. Am stärksten ist der Roman dort, wo Angelika Klüssendorf ihren Figuren nichts erklärt, sondern ihnen erlaubt, in ihren Gesten und ihrem Schweigen sichtbar zu werden.
Und dann sind da die Hühner: Sie scharren und picken, während die Menschen sich verlieren. Ich habe sie beim Lesen immer wieder vor Augen gehabt – vielleicht, weil sie nichts wissen von dem, was geschieht, sondern einfach weiter leben! Etwas bleibt in Bewegung, obwohl ein Mensch stillliegt.
So klingt der Titel „Trost“ zunächst fast zu weich für dieses Buch, doch meint Angelika Klüssendorf damit keine Erlösung … Trost ist etwas Kleines: eine Hand, die gehalten wird, jemand, der die Hühner versorgt, ein Mensch, der bleibt, obwohl er nichts mehr reparieren kann. Ich habe „Trost“ deshalb nicht als tröstliches Buch empfunden, sondern eher als eines, das mich daran erinnert hat, wie wenig wir einander manchmal geben können – und wie viel gerade darin liegen kann, nicht wegzugehen …
Am Ende bleibt Rita für mich als eine Frau, die fast den ganzen Roman über schweigt und doch immer gegenwärtig ist: Sie fehlt – und bestimmt gerade dadurch die Menschen, die zurückbleiben. Und vielleicht ist das Schönste an diesem Buch, dass Angelika Klüssendorf aus diesem Fehlen keine Antwort macht, sondern es stehen lässt. Und lässt uns damit allein – aber nicht ganz …