Buchtipps von Katja Hölzl

Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.

Katja
Die Rettung
Taschenbuch
Charlotte McConaghy
Die Rettung
16,10 €
Die Rettung

Beim Lesen von Charlotte McConaghys „Die Rettung“ habe ich mich immer wieder dabei ertappt, dass ich am liebsten selbst auf dieser abgelegenen Insel gestrandet wäre – und im nächsten Moment froh war, sicher auf meinem Sofa zu sitzen! Shearwater Island ist ein Ort der Gegensätze: rau und wunderschön, lebensfeindlich und voller Leben. Der Wind peitscht über die Klippen, das Meer verschlingt langsam das Land, und zwischen Robben, Albatrossen und tosenden Wellen versuchen fünf Menschen, mit ihrer Vergangenheit zurechtzukommen. Charlotte McConaghy schafft eine Atmosphäre, die mich von Beginn an gefesselt hat, denn dabei geht es in ihrem Roman um weit mehr als eine geheimnisvolle Fremde und eine Insel, die dem Untergang geweiht ist … Dominic Salt lebt mit seinen drei Kindern auf Shearwater Island, irgendwo zwischen Australien und der Antarktis. Einst befand sich hier eine Forschungsstation mit einem unterirdischen Saatgutbunker, in dem wichtige Nutzpflanzen für mögliche globale Katastrophen bewahrt werden sollten. Doch der Klimawandel macht auch vor diesem vermeintlich sicheren Zufluchtsort nicht halt: Der Meeresspiegel steigt, der Permafrost taut, die technischen Anlagen versagen. Das Forschungsteam ist bereits abgereist, und bald muss auch die Familie Salt die Insel verlassen. Dann wird nach einer heftigen Sturmnacht eine schwer verletzte Frau an die Küste gespült. Dominic und seine Kinder retten die Schiffbrüchige, die Rowan heißt. Doch wer ist sie, und was hat sie hierhergeführt? Mit ihrer Ankunft geraten nicht nur die Pläne für den Abschied durcheinander, sondern auch die sorgfältig gehüteten Geheimnisse der Familie! Charlotte McConaghy versteht es, Spannung zu erzeugen, ohne einen klassischen Kriminalroman zu schreiben. Natürlich wollte ich wissen, wer Rowan ist und welche Geschichte sie mit sich bringt, noch mehr aber interessierte mich, was innerhalb der Familie Salt verborgen liegt. Dominic und seine Kinder sind durch den Verlust der Mutter miteinander verbunden, doch jeder geht anders mit der Trauer um: Die siebzehnjährige Fen zieht sich lieber zu den Tieren zurück, als sich ihrer Familie zu öffnen; ihr älterer Bruder Raff trägt eine Wut in sich, deren Ursprung lange im Dunkeln bleibt; und der jüngste Sohn Orly begegnet der Welt mit einer berührenden Neugier und Zärtlichkeit. Besonders seine Annäherung an Rowan hat mich bewegt, denn in ihr zeigt sich, wie heilsam es sein kann, sich jemandem anzuvertrauen, ohne sofort alles erklären zu müssen … Die Figuren sind verletzlich, verschlossen und manchmal schwer zu verstehen, bleiben aber stets nachvollziehbar. Durch wechselnde Perspektiven lässt Charlotte McConaghy uns an Gedanken und Gefühlen teilhaben, die den anderen verborgen bleiben. So entsteht ein Netz aus Missverständnissen, Sehnsüchten und unausgesprochenen Wahrheiten. Man möchte die Menschen bisweilen schütteln, damit sie endlich miteinander reden, versteht aber zugleich, warum ihnen genau das so schwerfällt. Am stärksten wirkt der Roman für mich dort, wo die Autorin die Natur beschreibt, denn die Insel ist nicht bloß Kulisse, sondern eine eigenständige Kraft, die das Leben ihrer Bewohner bestimmt. Beim Lesen konnte ich beinahe die eisige Gischt auf der Haut spüren und das Kreischen der Seevögel hören; hinter der rauen Oberfläche offenbart sich eine erstaunliche Schönheit: Tiere, Pflanzen und Landschaft besitzen einen Wert, der sich nicht allein daran bemisst, was der Mensch aus ihnen machen kann. So ist der Klimawandel allgegenwärtig, ohne dass die Geschichte zur moralischen Belehrung wird … Der Saatgutbunker, geschaffen, um die Zukunft der Menschheit zu sichern, ist selbst von den Folgen der Erderwärmung bedroht. Dieser Widerspruch hat mich besonders nachdenklich gemacht: Wie wollen wir bewahren, was wir gleichzeitig zerstören? Und was bedeutet Rettung, wenn nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Lebensräume gefährdet sind? Am Ende bleibt für mich ein Roman, der von Verlust, Verantwortung und der Möglichkeit eines Neuanfangs erzählt, denn „Die Rettung“ erinnert daran, dass wir weder die Natur noch unsere Gefühle oder die Menschen, die wir lieben, vollständig kontrollieren können. Aber wir können lernen, genauer hinzusehen, zuzuhören und einander trotz aller Verletzungen eine Chance zu geben … Ich habe das Buch mit einer gewissen Wehmut geschlossen und mit dem Gefühl, dass seine Fragen noch eine Weile bei mir bleiben werden. Und gerade das macht für mich seine Stärke aus!

Freunde von früher
Hardcover
Micha Lewinsky
Freunde von früher
25,70 €
Freunde von früher

Ich kenne dieses Gefühl: Man blickt auf die eigenen Ideale zurück und fragt sich, wann man eigentlich zu jenem Menschen geworden ist, über den man sich früher lustig gemacht hätte … Aus Aufbruch ist Alltag geworden, aus Revolutionslust ein gut organisierter Terminkalender. Vielleicht ist das Erwachsenwerden weniger eine Entscheidung als ein schleichender Seitenwechsel? Micha Lewinsky erzählt in seinem Roman „Freunde von früher“ mit feinem Humor und melancholischer Schärfe davon, wie wir uns in unseren Leben einrichten – und dabei manchmal selbst abhandenkommen … Béla Tóth ist fünfzig, lebt mit seiner jüngeren Freundin Kaja in Zürich und arbeitet als Aushilfslehrer; einst war er ein vielversprechender Dokumentarfilmer, doch an seine ersten Erfolge konnte er nie anknüpfen. So ist sein Leben zwar unspektakulär, aber keineswegs unglücklich, nur beschleicht ihn manchmal das Gefühl, dass irgendwo noch eine Party stattfindet, zu der er nicht mehr eingeladen ist … Gleich zu Beginn gerät Béla am 1. Mai in eine Demonstration, während er mit dem Fahrrad unterwegs ist und Prosecco im Rucksack hat – und eigentlich nur weiter möchte. Stattdessen bekommt er Tränengas ab und verliert schließlich auch noch sein Gastgeschenk! Früher marschierte er voller Überzeugung zwischen Gewerkschaften, Maoisten und Schwarzem Block, doch heute weiß er nicht einmal mehr, wie er sich nennen soll. „Passant!“, fällt ihm schließlich ein … Doch er ruft das Wort zu leise, als dass ihn jemand hören könnte. In dieser Szene steckt für mich der ganze Roman: die Komik des Älterwerdens, die Scham über die eigene Angepasstheit und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit: Béla weiß nicht mehr recht, wer er ist, wenn die alten Gewissheiten verstummen … Als sich seine ehemalige Wohngemeinschaft von der Zürcher Zederstraße nach dreißig Jahren wiedersieht, scheint die Vergangenheit plötzlich wieder greifbar, denn das Haus, in dem die Freunde einst ihre Nächte durchredeten und die Welt neu erfinden wollten, steht zum Verkauf. Warum es nicht gemeinsam kaufen? Doch aus den einstigen Idealisten sind etablierte Fünfzigjährige geworden, die über Eigenkapital und Rendite sprechen, während im Haus inzwischen eine somalische Familie, eine Studenten-WG und ein älterer Mann leben, deren Zukunft durch die Kaufpläne bedroht wäre: „Weil wir gerade dabei sind, die Seiten zu wechseln“, denkt Béla. „Weil wir die sind, vor denen wir uns immer gefürchtet haben.“ Charles Lewinsky schreibt keinen nostalgischen Roman über die Neunzigerjahre, sondern zeigt vielmehr, dass die damalige Rebellion keineswegs frei von Widersprüchen war, denn auch die jungen Freunde pflegten ihre Hierarchien, teilten Menschen in cool und uncool ein und hielten sich selbst für etwas Besonderes … Im Zentrum der verdrängten Vergangenheit steht Lexi, ein obdachloser Künstler, der einst zum Freundeskreis gehörte. Béla bewunderte seine vermeintliche Freiheit, übersah aber dessen Verzweiflung; als Lexi ein Blumenbild ins Treppenhaus malte, ließ Béla es überstreichen … „Wenn niemand dafür zahlt, ist es keine Kunst“, sagte er. Wenig später nahm Lexi sich das Leben … Jahrzehnte später entdeckt Béla die Konturen des übermalten Bildes wieder: Unter der Farbe liegt nicht nur ein vergessenes Kunstwerk, sondern auch eine Schuld, der er sich endlich stellen muss! Dabei ist Charles Lewinskys Sprache wunderbar lakonisch; seine Sätze wirken beiläufig und treffen doch mitten ins Herz: „Wie alle typischen Zwanzigjährigen meinten wir, nie typische Vierzigjährige zu werden.“ Man lacht – und erkennt sich vielleicht selbst darin wieder! Denn natürlich werden wir älter … Wir machen Kompromisse, verlieren Menschen und halten dennoch an der Vorstellung fest, im Innersten dieselben geblieben zu sein. Auch Zürich wird zur Hauptfigur: eine Stadt, in der die Spuren der einstigen Gegenkultur unter sanierten Fassaden verschwinden und selbst der Widerstand irgendwann zur Frage des Immobilienbesitzes wird. Die ehemaligen WG-Bewohner müssen erkennen, dass auch das Unentschiedensein eine Entscheidung ist … So erzählt „Freunde von früher“ von Selbsttäuschung, verpassten Gelegenheiten und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, vor allem aber handelt der Roman von der Möglichkeit, sich mit dem eigenen Leben zu versöhnen, ohne die eigenen Fehler schönzureden. Vielleicht wird nicht alles gut? Vielleicht muss es das auch gar nicht …, denn manchmal besteht das Erwachsenwerden darin, endlich hinzusehen – und auszuhalten, was man dabei entdeckt …

Corpus Delicti
Taschenbuch
Juli Zeh
Corpus Delicti
11,90 €
Corpus Delicti

Wie weit würden wir gehen, um gesund zu bleiben? Und wann wird aus der Fürsorge für den eigenen Körper eine Pflicht, aus Vernunft ein Dogma und aus Sicherheit ein Gefängnis? Juli Zeh stellt in ihrem Roman „Corpus Delicti“ Fragen, die zunächst wie ein Gedankenspiel aus einer fernen Zukunft erscheinen. Doch je tiefer man in diese Welt eintaucht, desto näher rückt sie an unsere Gegenwart heran … Der 2009 erschienene Roman entwirft die beklemmende Vision einer Gesellschaft, die Gesundheit zum höchsten Gut erhoben hat; die sogenannte METHODE verspricht ein Leben ohne vermeidbare Risiken. Der Körper wird überwacht, die Lebensweise reglementiert, Vorsorge zur Bürgerpflicht. Wer sich den Regeln widersetzt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern gilt als Bedrohung für die Gemeinschaft. Im Mittelpunkt steht Mia Holl, eine junge, intelligente und unabhängige Frau. Als ihr Bruder Moritz wegen einer angeblichen Vergewaltigung verurteilt wird und sich später das Leben nimmt, gerät Mias Welt aus den Fugen, denn sie zweifelt an seiner Schuld und beginnt, sich gegen das System zu stellen. Aus ihrer Trauer erwächst Widerstand, aus ihrer Liebe eine Kraft, die sich nicht länger disziplinieren lässt. Mia ist für mich gerade deshalb eine interessante Figur, weil sie keine makellose Heldin ist, sondern verletzlich, widersprüchlich und mit ihrem Verlust allein erscheint. In einer Gesellschaft, die alles kontrollieren möchte, wird ihr persönlicher Schmerz zu etwas Unberechenbarem; so zeigt ihre Geschichte, wie schnell ein Mensch zum Verdachtsfall werden kann, sobald er sich nicht mehr den Erwartungen seiner Umgebung fügt. Die eigentliche Bedrohung in „Corpus Delicti“ liegt dabei nicht in einer offensichtlich bösen Macht. Die METHODE will das Beste für alle. Sie verspricht Gesundheit, Sicherheit und ein möglichst langes Leben. Wer könnte sich diesen Zielen grundsätzlich verschließen? Doch genau darin liegt die Verführung: Was gut gemeint ist, kann seine Menschlichkeit verlieren, wenn es keinen Widerspruch mehr duldet. Juli Zeh fragt, was von unserer Freiheit bleibt, wenn andere darüber entscheiden, was vernünftig und richtig für uns ist. Beim Lesen musste ich an den gesellschaftlichen Druck zur Selbstoptimierung denken, an den Wunsch, leistungsfähig zu bleiben, und an die Vorstellung, jedes Risiko müsse sich vermeiden lassen ... Natürlich ist unsere Gegenwart nicht mit der Diktatur der METHODE gleichzusetzen. Dennoch berührt der Roman einen empfindlichen Nerv: Wie viel Selbstbestimmung geben wir auf, wenn uns dafür Sicherheit versprochen wird? Und wer bestimmt, welches Leben als gelungen gilt? Dass „Corpus Delicti“ aktuell durch eine Verfilmung erneut Aufmerksamkeit erhält und in diesem Zusammenhang neu aufgelegt wurde, erscheint mir folgerichtig, hat der Roman doch nichts von seiner Aktualität verloren, denn seine Fragen sind keineswegs abschließend beantwortet! Wer sich intensiver mit dem Werk beschäftigen möchte, findet zudem mit dem Taschenbuch „Fragen zu Corpus Delicti von Juli Zeh“ (ebenfalls 2025 bei btb erschienen) einen begleitenden Kommentar. In Form eines fiktiven Interviews geht die Autorin auf Fragen zu Entstehung, Handlung und Figuren ein und führt die Auseinandersetzung zu grundsätzlichen Überlegungen über unser Menschenbild und unser gesellschaftliches Zusammenleben weiter. Was ich aus der Lektüre mitnehme, ist weniger eine eindeutige Warnung als eine Einladung, genauer hinzusehen, denn Freiheit bedeutet auch Unsicherheit. Sie schließt Irrtümer ein, Widersprüche und Entscheidungen, die sich nicht vollständig berechnen lassen. Eine Gesellschaft muss diese Unvollkommenheit aushalten können, wenn sie den Menschen nicht auf einen funktionierenden Körper reduzieren will. „Corpus Delicti“ ist für mich ein unbequemes, gedanklich anregendes Buch, das nicht jede literarische Schwäche hinter seiner wichtigen Thematik verbergen kann. Aber es stellt Fragen, die bleiben: Was macht ein Leben lebenswert? Und was geschieht, wenn wir vor lauter Sorge um unsere Gesundheit vergessen, dass wir vor allem frei leben möchten? Denn ein gesunder Körper ist noch keine freie Seele …

Trost
Hardcover
Angelika Klüssendorf
Trost
25,70 €
Trost

Rita steht im Morgenmantel vor ihrer Haustür: Der Januarmorgen ist hell, der Mond fast verschwunden … Und dann verschluckt sie ein Insekt; wenige Augenblicke später liegt sie im Koma! Ein winziger Zufall – und plötzlich gerät ein ganzes Leben aus dem Gleichgewicht: eine brüchig gewordene Liebe, eine Familie voller Risse, eine siebzehnjährige Stieftochter auf der Suche nach sich selbst und ein Mann, der mit Nähe weniger anfangen kann als mit ihrer Abwesenheit. Dieser Anfang hat mich sofort in den Roman gezogen – und zwar nicht, weil er spektakulär wäre, sondern weil Angelika Klüssendorf dem Zufall etwas Unheimliches gibt: Ein winziger Augenblick genügt nämlich, und das, was eben noch selbstverständlich schien, ist nicht mehr verfügbar … Rita verstummt danach; und gerade darin liegt für mich die eigentliche Kraft dieses Romans, denn je weniger sie selbst tun und sagen kann, desto stärker wird ihre Anwesenheit. Die Menschen um sie herum beginnen, sich an ihr entlang zu erinnern, zu rechtfertigen, sich zu entfernen und wieder anzunähern. So wird Rita zur stillen Mitte eines Buches, in dem es um die Frage geht, was von einem Menschen bleibt, wenn er selbst nicht mehr antworten kann. Rita lebt mit Joachim auf einem alten Bauernhof in Brandenburg, liebt ihren Kaffee am Morgen, ihre Zigaretten, Blumen, das Schwimmen, die Natur und ihre Hühner. Auch Joachim gehört noch zu diesem Leben – aber seine Abwesenheit ist ihr inzwischen fast lieber als seine Gegenwart; dabei ist ihre Beziehung nicht mit einem großen Knall zerbrochen, sondern ist einfach leiser geworden, dünner, bis aus Nähe Gewohnheit und aus Gewohnheit Gereiztheit wurde … Gerade diese stille Erosion hat mich berührt, denn Angelika Klüssendorf braucht keine großen Szenen: Ein Blick, ein Satz, eine nicht gemachte Bewegung genügen – und darin liegt etwas unangenehm Vertrautes: Beziehungen zerbrechen manchmal nicht an einem einzigen Ereignis, sondern daran, dass zwei Menschen einander immer weniger erreichen. Dann kommt Jane, Ritas siebzehnjährige Stieftochter; für mich ist sie die Figur, durch die der Roman am stärksten atmet, denn sie steht selbst an einer Schwelle: Abitur, Freundschaft, Ablösung, die tastende Frage, wer sie eigentlich sein möchte. Und während sie versucht, erwachsen zu werden, liegt Rita im Koma und draußen beginnt ein Krieg … Angelika Klüssendorf erzählt das Jahr 2022 nicht als großes Zeitpanorama; nein, Corona und der Krieg in der Ukraine bleiben eher im Hintergrund – und sickern doch überall ein! Sie verstärken ein Lebensgefühl, das Jane längst kennt: dass Sicherheiten plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind; dabei weiß sie noch nicht, wie man mit Verlust, Angst und Überforderung lebt. Aber sie versucht es … Sie sitzt bei Rita, hält ihre Hand, wartet, denn mehr kann sie nicht tun – und vielleicht ist genau das schon Trost: nicht die richtige Antwort zu kennen, sondern trotzdem dazubleiben! Joachim dagegen flieht: vor Rita, vor ihrem Körper im Krankenhaus, vor dem Stillstand, vor dem eigenen Alter und vielleicht auch vor dem, was zwischen ihnen längst nicht mehr stimmt. Während der Lektüre fand ich ihn oft schwer auszuhalten – und doch konnte ich ihn nicht einfach verurteilen, denn Angelika Klüssendorf lässt ihn in seiner Widersprüchlichkeit stehen: Ihre Figuren sind keine Urteile, sondern Menschen, die sich selbst nicht immer verstehen. Dazu passt ihre Sprache: knapp, lakonisch, manchmal spröde. Beim Lesen mochte ich diese Zurückhaltung der Autorin, denn Gefühle werden selten ausgestellt und ein kleiner Satz kann plötzlich einen ganzen Abgrund öffnen. Am stärksten ist der Roman dort, wo Angelika Klüssendorf ihren Figuren nichts erklärt, sondern ihnen erlaubt, in ihren Gesten und ihrem Schweigen sichtbar zu werden. Und dann sind da die Hühner: Sie scharren und picken, während die Menschen sich verlieren. Ich habe sie beim Lesen immer wieder vor Augen gehabt – vielleicht, weil sie nichts wissen von dem, was geschieht, sondern einfach weiter leben! Etwas bleibt in Bewegung, obwohl ein Mensch stillliegt. So klingt der Titel „Trost“ zunächst fast zu weich für dieses Buch, doch meint Angelika Klüssendorf damit keine Erlösung … Trost ist etwas Kleines: eine Hand, die gehalten wird, jemand, der die Hühner versorgt, ein Mensch, der bleibt, obwohl er nichts mehr reparieren kann. Ich habe „Trost“ deshalb nicht als tröstliches Buch empfunden, sondern eher als eines, das mich daran erinnert hat, wie wenig wir einander manchmal geben können – und wie viel gerade darin liegen kann, nicht wegzugehen … Am Ende bleibt Rita für mich als eine Frau, die fast den ganzen Roman über schweigt und doch immer gegenwärtig ist: Sie fehlt – und bestimmt gerade dadurch die Menschen, die zurückbleiben. Und vielleicht ist das Schönste an diesem Buch, dass Angelika Klüssendorf aus diesem Fehlen keine Antwort macht, sondern es stehen lässt. Und lässt uns damit allein – aber nicht ganz …

Nullzeit
Taschenbuch
Juli Zeh
Nullzeit
13,90 €
Nullzeit

Ich habe „Nullzeit“ mit einer besonderen Aufmerksamkeit gelesen, die sich im Laufe der Lektüre immer mehr zu einer Faszination für die Vielschichtigkeit menschlicher Wahrnehmung entwickelte. Je weiter ich in die Geschichte eintauchte, desto häufiger hinterfragte ich meine eigenen Einschätzungen: War Sven tatsächlich der unbeteiligte Beobachter, als den er sich darstellte? Welche Rolle spielte Jola in diesem Geflecht aus Nähe, Begehren und Abhängigkeit? Und wie sehr lassen wir uns von der ersten Geschichte beeinflussen, die wir hören? Genau darin liegt für mich die besondere Wirkung dieses Romans: Juli Zeh lädt dazu ein, hinter die Oberfläche zu blicken, ohne vorschnelle Antworten zu geben. Die Spannung entsteht weniger aus äußeren Ereignissen als aus dem allmählichen Wandel der eigenen Wahrnehmung; ja, selbst die stillen Momente scheinen von einer unterschwelligen Bewegung erfüllt, als würde sich unter einer ruhigen Oberfläche eine ganz eigene Wirklichkeit entfalten. Im Mittelpunkt steht Sven, der auf Lanzarote als Tauchlehrer lebt und sich bewusst von seinem früheren Leben in Deutschland distanziert hat. Er schätzt Ruhe, Unabhängigkeit und den Abstand zu den Angelegenheiten anderer Menschen. Mit Antje führt er eine Beziehung, die von Vertrautheit und Beständigkeit geprägt ist. Sein Leben scheint überschaubar – ein selbst gewählter Rückzugsort, an dem die Dinge ihren geregelten Lauf nehmen. Mit dem Auftauchen von Jola und Theo gerät diese Ordnung in Bewegung: Jola, eine Schauspielerin, die sich auf eine neue Rolle vorbereitet, ist eine faszinierende und zugleich schwer greifbare Persönlichkeit, denn in ihr verbinden sich Verletzlichkeit, Ehrgeiz und ein ausgeprägtes Gespür für die Wirkung, die sie auf andere ausübt. Ihre Beziehung zu Theo ist von intensiven Gefühlen geprägt, in denen Liebe, Abhängigkeit und Macht eng miteinander verwoben sind. Sven, der sich eigentlich aus den Angelegenheiten anderer heraushalten möchte, wird zunehmend Teil dieses Beziehungsgeflechts – und dabei zeigt sich, dass auch der Wunsch nach Distanz eine Haltung ist, die Konsequenzen haben kann. Besonders beeindruckt hat mich die Erzählstruktur des Romans, denn Svens Bericht wird immer wieder durch Jolas Tagebucheinträge ergänzt, die eine zweite Perspektive eröffnen. Was zunächst Klarheit verspricht, führt nach und nach zu neuen Fragen … Die beiden Stimmen ergänzen sich, widersprechen einander und verschieben immer wieder den Blick auf die Ereignisse. Als Leserin oder Leser ist man eingeladen, die unterschiedlichen Darstellungen miteinander in Beziehung zu setzen und sich ein eigenes Bild zu machen. Für mich liegt darin eine der größten Stärken des Romans, interessiert sich Juli Zeh doch nicht allein dafür, was geschehen ist, sondern auch dafür, wie Geschichten entstehen und unsere Wahrnehmung beeinflussen. Wer erzählt, setzt Akzente, ordnet Erinnerungen und prägt, wie Menschen und Ereignisse beurteilt werden. So wird „Nullzeit“ zu mehr als einem psychologischen Thriller: Der Roman handelt auch von Verantwortung, subjektiver Wahrheit und der Schwierigkeit, menschliches Handeln eindeutig einzuordnen. Eine besondere Atmosphäre entsteht durch die Verbindung der Handlung mit der Unterwasserwelt, da das Tauchen weit mehr als Svens beruflicher Hintergrund ist; es wird zum Sinnbild für die psychologischen Vorgänge zwischen den Figuren: Unter Wasser verändern sich Wahrnehmung und Orientierung ... Stille, Konzentration und gegenseitiges Vertrauen gewinnen an Bedeutung. Man ist auf die eigene Ausrüstung ebenso angewiesen wie auf die Menschen an seiner Seite! Vertrauen schafft Nähe, macht aber zugleich verletzlich. Die Unterwasserwelt spiegelt damit die Atmosphäre des gesamten Romans: Was an der Oberfläche ruhig und klar erscheint, kann in der Tiefe eine andere Gestalt annehmen. Dieses Bild hat mich während der Lektüre begleitet und verleiht der Geschichte eine zusätzliche symbolische Ebene. Was mir von „Nullzeit“ am nachhaltigsten in Erinnerung bleiben wird, ist die Frage, wie verlässlich unsere eigene Wahrnehmung tatsächlich ist. Wie schnell bilden wir uns ein Urteil? Wie bereitwillig vertrauen wir einer Erzählung, wenn sie schlüssig erscheint? Und wie oft übersehen wir dabei, dass jede Perspektive nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt? „Nullzeit“ ist deshalb für mich ein faszinierender Roman über Verführung, Macht und die Unsicherheit menschlicher Wahrnehmung. Besonders reizvoll fand ich, wie Juli Zeh die Grenzen zwischen Beobachtung und Beteiligung, Erinnerung und Deutung, Wahrheit und subjektiver Wirklichkeit auslotet. Die Lektüre hat mich dazu gebracht, meine eigenen Urteile immer wieder zu überprüfen. Vielleicht ist es gerade das, was ein Buch nachhaltig macht: Es endet nicht mit der letzten Seite, sondern wirkt in Gedanken weiter – und wie beim Tauchen verändert sich der Blick mit zunehmender Tiefe! Und wenn man schließlich wieder auftaucht, betrachtet man die Welt vielleicht mit etwas anderen Augen …

Wir müssen wahre Sätze finden
Hardcover
Ingeborg Bachmann
Wir müssen wahre Sätze finden
23,60 €
Wir müssen wahre Sätze finden

Ingeborg Bachmann misstraute den Worten, gerade weil sie wusste, wie viel von ihnen abhängt; sie wusste, dass Sprache nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern sie auch verschleiert, dass in den vertrautesten Sätzen Gewalt wohnen kann und dass die großen Katastrophen bisweilen in den kleinsten, unscheinbarsten Beziehungen beginnen. Wer die Gespräche liest, die der Kampa-Verlag unter dem Titel „Wir müssen wahre Sätze finden“ versammelt hat, begegnet einer Schriftstellerin, die sich mit einfachen Antworten nicht zufriedengibt. Sie denkt gegen die Phrasen ihrer Zeit an, widerspricht ihren Gesprächspartnern und beharrt auf der Genauigkeit des Ausdrucks. Dabei zeigt sich eine Ingeborg Bachmann, die weniger geheimnisvoll ist, als ihr Ruf vermuten lässt, dafür umso entschiedener in ihrem Denken – und von einer Gegenwärtigkeit, die bisweilen schmerzt. Bachmanns Denken kreist um eine verstörende Erkenntnis: Die Gewalt beginnt nicht erst dort, wo Geschichte sich in Katastrophen entlädt. Sie beginnt viel früher, im vermeintlich Privaten, in Beziehungen, in denen Menschen einander beherrschen, verletzen und zum Verschwinden bringen. Der Faschismus ist in Bachmanns literarischer Welt nicht nur ein politisches System, sondern auch eine Möglichkeit des Alltäglichen. In „Malina“, dem einzigen vollendeten Roman ihres unvollendeten Todesarten-Projekts, wird diese Erkenntnis zur existenziellen Erfahrung. Ein namenloses Ich verliert sich in den Beziehungen zu Malina und Ivan, bis am Ende nur ein Riss in der Wand bleibt. Ein erschreckendes Bild: als hätte die Gewalt nicht nur einen Menschen vernichtet, sondern auch die Sprache ausgelöscht, mit der sich seine Vernichtung erzählen ließe. In den Interviews wird deutlich, wie bewusst Bachmann diesen Zusammenhang durchdringt. Sie spricht über Literatur, Liebe und Gesellschaft, ohne sich mit fertigen Antworten zufriedenzugeben. Besonders eindringlich ist ihre Skepsis gegenüber der Sprache selbst. Die Worte, die uns zur Verfügung stehen, sind für sie vielfach zu Phrasen erstarrt, zu verbrauchten Hüllen, in denen das Denken nicht mehr stattfindet. Ein Schriftsteller dürfe sich deshalb nicht einfach der vorgefundenen Sprache bedienen, sondern müsse sie „zerschreiben“. Darin liegt für mich ein Schlüssel zu ihrem Werk: Wahrheit lässt sich nicht aus dem Vorrat vertrauter Begriffe holen. Sie muss gesucht, geprüft und sprachlich immer wieder neu errungen werden. Wie wenig Bachmann bereit war, sich mit dem Erwartbaren zufriedenzugeben, zeigen ihre Antworten auf die Fragen ihrer Interviewer. Wo andere bereitwillig über ihre gesellschaftliche Haltung Auskunft geben oder sich in literaturkritischen Formeln wiederfinden würden, widerspricht sie, weicht aus oder legt die Schwächen der Frage offen. Manchmal genügt ihr ein einziger Satz, um die Fassade eines Gesprächs zum Einsturz zu bringen. Darin liegt eine beinahe heitere Freude an intellektueller Unabhängigkeit, denn Ingeborg Bachmann ist hier keine entrückte Sphinx, als die sie mitunter stilisiert wurde, sondern eine Frau, die genau weiß, was sie sagen will – und vor allem, was sie nicht sagen wird. Ihre Kürze ist keine Leere, sondern Widerstand! Auch ihre Gedanken über die Liebe sind von jener schmerzhaften Klarheit, die ihr Schreiben auszeichnet. Wenn sie erklärt, Liebe sei ein Kunstwerk, das nur wenige Menschen beherrschten, klingt darin Sehnsucht ebenso an wie Ernüchterung. Die Liebe erscheint als Möglichkeit eines anderen Lebens und zugleich als etwas, dem die bestehende Welt keinen Platz lässt. Bachmann betrachtet das Scheitern nicht bloß als privates Unglück. Sie fragt nach den Verhältnissen, die Menschen deformieren, nach den Machtstrukturen, die selbst das Intimste durchziehen. Das Buch hat mich fasziniert, denn es zeigt, was Ingeborg Bachmanns Stimme zu geben vermag. Ihre Gedanken sind nicht abgeschlossen, ihre Fragen nicht erledigt. In einer Gegenwart, in der politische Schlagworte die Auseinandersetzung oft ersetzen und private Beziehungen keineswegs frei von Macht und Gewalt sind, wirkt ihr Beharren auf sprachlicher Wahrhaftigkeit dringlicher denn je. So ist „Wir müssen wahre Sätze finden“ für mich in diesem Bachmann-Jahr 2026 mehr als eine Ergänzung zu einem großen Werk, sondern vielmehr eine Einladung, einer Denkerin beim Denken zuzuhören – und sich dabei selbst nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Vielleicht beginnt Wahrheit tatsächlich dort, wo wir aufhören, das längst Gesagte zu wiederholen. Dass Ingeborg Bachmann uns dies auch hundert Jahre nach ihrer Geburt noch abverlangt, ist das größte Glück dieser Lektüre!

Wir hören uns im August
Hardcover
Band 52009
Gabriel García Márquez
Wir sehen uns im August
15,50 €
Wir hören uns im August

Es gibt einen Moment beim Lesen dieses Buches, in dem ich aufgehört habe, mich zu fragen, was Ana Magdalena Bach eigentlich vorhat … Stattdessen fragte ich mich, was mit dem Mann passiert ist, der diese Frau erfunden hat? Ana Magdalena fährt jeden August auf eine karibische Insel, um Gladiolen auf das Grab ihrer Mutter zu legen; ein Ritual, schlicht und ein wenig melancholisch. Dann aber geschieht etwas, das zunächst fast nebensächlich wirkt: Sie nimmt einen fremden Mann mit auf ihr Hotelzimmer! Und: Im Jahr darauf tut sie es wieder … Und wieder … Aus dem kleinen Ausbruch wird eine Gewohnheit, aus der Gewohnheit eine zweite Existenz. Ich mochte diese Ausgangsidee sofort – vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht nach großer Befreiung aussieht, denn Ana Magdalena wird nicht plötzlich ein anderer Mensch, sondern entdeckt vielmehr eine Seite ihres eigenen Lebens, die offenbar die ganze Zeit unter der Oberfläche gelegen hat. Und das hat etwas Verstörendes – und etwas sehr Schönes! Doch während ich las, begann sich ein anderes Gefühl einzuschleichen, denn immer wieder stieß ich auf Sätze, bei denen ich dachte: Ja, da ist er wieder, der García Márquez, den ich kenne! „Wir sehen uns im August“ ist ein Text, dessen Unfertigkeit selbst zur Lektüre gehört: García Márquez schrieb ihn nämlich in einer Zeit, in der seine Demenz seine Fähigkeit zu schreiben immer stärker beeinträchtigte. Er selbst hielt das Manuskript für nicht gelungen und wollte, dass es vernichtet wird, doch seine Söhne entschieden sich zehn Jahre nach seinem Tod dagegen und ließen es veröffentlichen. Seitdem steht dieses schmale Buch ein wenig zwischen zwei Gräbern: auf der einen Seite das Grab von Ana Magdalenas Mutter, zu dem sie jedes Jahr zurückkehrt, auf der anderen das Grab des Schriftstellers, von dem hier noch einmal eine Stimme zu hören ist. Dabei blitzt der alte García Márquez immer wieder auf in den karibischen Landschaften, in der Hitze, im Meer, in der Musik. Manche Bilder sind von jener eigentümlichen Leichtigkeit, die seine Prosa so unverwechselbar macht; auch Ana Magdalena ist eine interessante Figur, denn sie ist eine Frau, die in einem scheinbar geglückten Leben plötzlich merkt, dass Glück und Gewohnheit nicht dasselbe sind. Und gerade deshalb ist der Schluss so verstörend, da Ana Magdalena zu begreifen glaubt, warum ihre Mutter auf der Insel begraben werden wollte; so lässt sie den Leichnam exhumieren und bringt ihn ihrem Mann nach Hause – und dann endet die Geschichte … Ein absurdes, rätselhaftes Ende – und zugleich eines, das man dem García Márquez dieser letzten Seiten durchaus zutraut. Denn dieses Buch schenkt einem noch einmal etwas von einem großen Erzähler – und zwingt einen zugleich dabei zuzusehen, wie dieser Erzähler seine Möglichkeiten verliert … Wer García Márquez also noch nicht kennt, sollte hier nicht beginnen, denn sein berühmter Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist der bessere Eingang in seine Welt. Wer ihn aber bereits liebt, wird „Wir sehen uns im August“ vielleicht trotz seiner Brüche lesen wollen! Ich jedenfalls bin froh, es gelesen zu haben – und zwar nicht, weil ich darin ein verborgenes Meisterwerk gefunden hätte, sondern weil dieses kleine Buch etwas Seltenes zeigt: nicht nur, was Literatur vermag, sondern auch, wie verletzlich deren Entstehung ist …

Der große Gatsby
Hardcover
Band 52009
F. Scott Fitzgerald
Der große Gatsby
31,80 €
Der große Gatsby

Der titelgebende Jay „Gatsby“ gibt Partys, zu denen niemand eingeladen werden muss, denn an den Wochenenden strömen Menschen in seine Villa, trinken Champagner, tanzen, lachen, verschwinden wieder – doch kaum jemand weiß, wer Gatsby eigentlich ist … Vielleicht ist genau das der Punkt: Er hat sich eine Welt geschaffen, in der sein Name genügt. Nur einer fehlt auf all diesen Festen – Daisy Buchanan, die Frau, für die er diesen ganzen Aufwand betreibt! F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“, 1925 erschienen und inzwischen hundert Jahre alt, beginnt wie ein glänzendes Gesellschaftsstück und entwickelt sich langsam zu einer Geschichte über Verlust, Selbsttäuschung und die eigentümliche Macht vergangener Wünsche. Die neue Übersetzung von Bernhard Robben macht dabei deutlich, wie wenig Staub auf diesem schmalen Roman liegt und wie aktuell der Roman heute noch ist! Erzählt wird die Geschichte von Nick Carraway, einem jungen Broker, der nach Long Island zieht und dort in die Welt der Reichen gerät. Sein Nachbar Gatsby ist ein Mann, über den Gerüchte kursieren und dessen Vermögen ebenso undurchsichtig ist wie seine Herkunft. Und Nick entdeckt bald, dass hinter den rauschenden Festen ein einziger Wunsch steht: Gatsby will Daisy zurück … Daisy war seine große Liebe, bevor Geld und gesellschaftliche Stellung sie voneinander trennten; so hat Gatsby seither alles darangesetzt, die Distanz zwischen ihnen zu überwinden. Aus James Gatz, dem jungen Mann bescheidener Herkunft, wurde Jay Gatsby, eine sorgfältig inszenierte Figur des Erfolgs. Danei ist sein Vermögen Mittel zum Zweck: Es soll die Vergangenheit zurückholen! Gerade diese Vorstellung macht Gatsby für mich so faszinierend, denn er will nicht einfach eine Frau gewinnen, sondern einen früheren Augenblick seines Lebens wiederherstellen – als hätte sich die Zeit nur lange genug gegen ihn verschworen. Er glaubt, dass sich Vergangenheit korrigieren lässt, wenn man nur entschlossen genug ist. Sein Reichtum, sein Haus, seine Partys: Alles richtet sich auf einen Punkt, der längst hinter ihm liegt … F. Scott Fitzgerald erzählt davon mit einer bemerkenswerten Ökonomie; so entsteht auf kaum zweihundert Seiten eine ganze Gesellschaft: eine Welt aus altem und neuem Geld, aus Privilegien, Aufstiegshoffnungen und sozialer Kälte. Der Glanz der Zwanzigerjahre ist dabei nie nur Kulisse, sondern gehört zum Thema, denn Geld verspricht Freiheit, Schönheit und Zugang – und erweist sich doch als Grenze. So kann sich Gatsby zwar alles kaufen, außer Zugehörigkeit und Zeit. Besonders stark ist für mich die Figur des Erzählers Nick Carraway, der Beobachter bleibt und gerade dadurch zum moralischen Zentrum des Romans wird. Er bewundert Gatsby, obwohl er seine Illusionen durchschaut. Und vielleicht liegt darin auch die eigentliche Zärtlichkeit des Buches: Nick macht sich nicht über einen Mann lustig, der an etwas Unmögliches glaubt, sondern erkennt vielmehr, dass gerade diese Fähigkeit, an einem Wunsch festzuhalten, Gatsby zugleich groß und verloren macht … Auch Daisy bleibt widersprüchlich, denn sie ist nicht die ideale Geliebte, die Gatsby in ihr sehen möchte, sondern eine Frau, die sich für Sicherheit entschieden hat: Ihre Stimme, ihre Herkunft, ihr ganzes Auftreten sind eng mit Geld verbunden. – Und doch verurteilt Fitzgerald sie nicht eindeutig; vielmehr zeigt er, wie schwer es ist, sich innerhalb einer Gesellschaft gegen ihre Regeln zu stellen, wenn man von ihnen profitiert. Am Ende ist die Party vorbei – und was bleibt, ist Stille! Der Reichtum, der Glamour, die sorgfältig aufgebaute Identität – alles verliert plötzlich seine Bedeutung … Gatsby steht dann nicht mehr für Erfolg, sondern für die Hartnäckigkeit eines Menschen, der einen Traum so lange verfolgt, bis er die Wirklichkeit nicht mehr von seiner Vorstellung unterscheiden kann. Die von Bernhard Robben neu übersetzte und im Manesse Verlag erschienene Jubiläumsausgabe ergänzt Fitzgeralds Roman um Briefe, zeitgenössische Rezensionen, eine Zeittafel und ein Nachwort von Claudius Seidl. Doch auch ohne all diese Begleittexte bleibt der Roman erstaunlich unmittelbar und von beeindruckender Aktualität. Was dann nach der Lektüre zurückbleibt, ist weniger das Bild einer vergangenen Epoche als eine Frage, die unangenehm nah kommt: Wie viel von unserem Leben richten wir auf Dinge aus, die längst nicht mehr existieren? Gatsby kennt darauf keine andere Antwort als weiterzugehen … Vielleicht liegt gerade darin seine Größe – und sein Untergang.

Die Glasglocke
Hardcover
Band 52009
Sylvia Plath
Die Glasglocke
30,00 €
Die Glasglocke

Es gibt Bücher, bei denen man nach den ersten Seiten ahnt, dass sie einen nicht unberührt lassen werden: „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath war für mich genau so ein Buch, denn ich hatte das Gefühl, Esther Greenwood nicht einfach nur beim Scheitern zuzusehen, sondern gemeinsam mit ihr langsam den Boden unter den Füßen zu verlieren; Seite für Seite wurde die Welt, die anfangs noch voller Möglichkeiten und Verheißungen schien, enger – bis kaum noch Luft zum Atmen blieb. Dabei beginnt alles so verheißungsvoll, als in New York im Juni 1953 Esther nun neunzehn, klug, ehrgeizig und voller Pläne ist. Ein Sommer in der großen Stadt liegt vor ihr, ein Praktikum bei einem Modemagazin, Einladungen, Kleider, Männer, Tanzabende – das Versprechen eines Lebens, das glänzt und nach Zukunft aussieht. – Und doch liegt über all dem Glanz von Anfang an ein feiner Schatten, denn Esther betrachtet diese Welt, als stünde sie bereits ein wenig außerhalb von ihr … Während alle anderen zu wissen scheinen, wie man glücklich ist, verliert sie zunehmend das Gefühl dafür, was Glück für sie überhaupt bedeuten könnte. Besonders eindringlich fand ich das Bild, mit dem Sylvia Plath diesen bevorstehenden Absturz beschreibt: Eine Zukunft, die Esther zunächst wie eine „glänzende sichere Brücke“ erscheint, beginnt plötzlich zu schwanken und löst sich unter ihren Füßen auf; und das ist eines dieser Bilder, die man beim Lesen nicht mehr vergisst. Denn genau das geschieht im weiteren Verlauf des Romans: Die Brücke verschwindet, und Esther stürzt … Was mich an diesem Roman so berührt hat, ist die Schonungslosigkeit, mit der Sylvia Plath diesen Sturz beschreibt, denn sie schreibt nicht von außen über Depression, sondern lässt sie aus Esthers eigener Stimme heraus erfahrbar werden. So wird die Welt langsam fremd, die Zeit verliert ihre Ordnung, selbst die kleinsten Dinge können plötzlich unüberwindbar erscheinen. Die Autorin findet dafür keine großen Erklärungen, sondern Bilder, die sich unmittelbar festsetzen. Man liest sie und versteht für einen Moment etwas, das sich eigentlich kaum erklären lässt … Die titelgebende „Glasglocke“ ist dabei das vielleicht stärkste Bild des Romans, ist Esther doch von der Welt nicht wirklich getrennt – und fühlt sich doch unerreichbar weit von ihr entfernt! Alles ist sichtbar, alles ist zum Greifen nah, und trotzdem kommt nichts mehr zu ihr durch. Genau diese beklemmende Nähe und Ferne zugleich macht das Buch für mich so eindringlich! Doch „Die Glasglocke“ ist weit mehr als ein Roman über Depression, sondern es ist auch ein Buch über Erwartungen, Selbstbestimmung und die Frage, wie frei man wirklich sein kann, wenn einem ständig gesagt wird, wie das eigene Leben auszusehen hat. Esther möchte schreiben, lernen, arbeiten und unabhängig sein; und sie weigert sich, sich auf die Rolle festlegen zu lassen, die für eine junge Frau ihrer Zeit vorgesehen ist: Gerade dieses Ringen um ein selbstbestimmtes Leben macht den Roman zu einem bedeutenden Klassiker der feministischen Literatur. Esther ist dabei keine Heldin im klassischen Sinn, sondern ist widersprüchlich, verletzlich, manchmal bitter und oft hoffnungslos. Gerade deshalb wirkt sie so menschlich, den ihr Zusammenbruch erscheint nicht als plötzliches Ereignis, sondern als ein langsames Abgleiten. Und so wird aus der ehrgeizigen Studentin eine junge Frau, die an ihren eigenen Erwartungen und an denen ihrer Umwelt zu zerbrechen droht … Sylvia Plaths Sprache fasziniert mich besonders durch ihre Verbindung aus Schlichtheit und Bildgewalt, da sie einen Gedanken mit wenigen Worten formulieren und ihn gleichzeitig so aufladen kann, dass er lange nachhallt, während ihre Bilder niemals bloßer Schmuck sind – sie entstehen vielmehr aus Esthers Wahrnehmung und machen ihre innere Welt sichtbar! Und doch ist dieses Buch nicht nur dunkel – und gerade das hat mich am Ende bewegt, denn nach all der Enge, Verzweiflung und Sprachlosigkeit öffnet sich vorsichtig wieder ein Spalt; nein, keine einfache Erlösung, kein Versprechen, dass von nun an alles gut sein wird – sondern die Möglichkeit, wieder hinauszutreten … „Die Glasglocke“ ist für mich deshalb ein Roman über den Abgrund, aber ebenso über die Möglichkeit, von dort zurückzukehren. Und es ist ein Buch über eine junge Frau, die sich selbst verliert und langsam wiederzufinden beginnt … Ein schmerzhaftes, kluges und wunderschönes Buch, das einen nach der letzten Seite noch lange nicht loslässt. Und vielleicht liegt genau darin seine zeitlose Kraft: Sylvia Plath schreibt über die Dunkelheit, ohne den Blick für das Licht ganz zu verlieren. Wer wollte dabei nicht an den berühmten Vers aus Georg Trakls Gedicht „Verklärter Herbst“ denken: „Gewaltig endet so das Jahr / Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten; / Rund schweigen Wälder wunderbar / Und sind des Einsamen Gefährten.“ Ein wunderbares Kleinod für die herbstlichen Dämmerstunden!

Im ersten Licht
Hardcover
Band 52009
Norbert Gstrein
Im ersten Licht
29,50 €
Im ersten Licht

Adrian Reiter ist keine Figur, die man sofort ins Herz schließt, – und doch ist er mir beim Lesen immer nähergekommen; vielleicht gerade deshalb? Denn er besitzt nichts von der Klarheit eines Helden, nichts von der beruhigenden Eindeutigkeit eines Menschen, der stets weiß, was richtig ist, sondern er hinkt durch sein Jahrhundert, ein wenig schief, ein wenig abseits, und sieht den anderen beim Leben zu: beim Aufbrechen, beim Scheitern, beim Sterben. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Adrian gerade deshalb so wirklich wirkt, weil er uns nicht erlaubt, uns selbst allzu schnell für die Besseren zu halten … Sein Leben beginnt mit einem Axthieb, denn im Jahre 1917, als der Erste Weltkrieg tobt, schlägt sein Vater ihm das Bein entzwei, damit der Sohn nicht an die Front muss! Eine grausame Rettung, ein Glück mit einer Narbe … und Adrian kommt davon, aber vielleicht kommt man von einem Krieg, dem man entgeht, nicht wirklich davon? Von da an begegnet Adrian immer wieder jenen, die nicht davongekommen sind: jungen Männern mit zerstörten Gesichtern, verstümmelten Körpern und Erinnerungen, die sich nicht abschütteln lassen; er beobachtet sie, sammelt ihre Geschichten und verfolgt ihre Schicksale beinahe mit buchhalterischer Genauigkeit. Und während andere mit Orden oder Wunden aus dem Krieg heimkehren, trägt Adrian nur sein hinkendes Bein – und doch wird der Krieg zu seiner lebenslangen Obsession. Darin liegt für mich die verstörende Kraft von Norbert Gstreins „Im ersten Licht“, denn der Roman erzählt den Krieg nicht aus der Perspektive des Kämpfers, sondern aus jener des Menschen, der danebensteht … Und dieses Danebenstehen wird mit jedem Kapitel unangenehmer! Dabei ist Adrian kein Held: Er kämpft in keinem Krieg, trägt keine Uniform, aber er schaut zu und weiß vieles und tut wenig … Er passt sich an, schweigt, weicht aus – und gerade diese unspektakuläre Form des Versagens macht ihn so schwer zu greifen. So fragt Norbert Gstrein nicht laut nach Schuld, sondern legt sie zwischen die Sätze und lässt sie dort liegen … Wie viel Schuld kann in einem Schweigen wohnen? Doch eine einfache Antwort gibt es nicht – und überhaupt misstraut Gstrein den einfachen Antworten. Was mich besonders beeindruckt hat, ist, dass seine Sätze lang sind, verschlungen, manchmal beinahe atemlos, denn sie kreisen um einen Gedanken, verlassen ihn, kehren verändert zu ihm zurück, – als müsste auch die Sprache erst einen Weg durch dieses Jahrhundert finden …. Selbst die Syntax scheint manchmal zu hinken wie Adrian! Besonders eindringlich waren für mich die Gesichter der Kriegsheimkehrer: junge Männer, deren Gesichter von Narben zerschnitten und bis zur Unkenntlichkeit verändert sind, dabei beschreibt Norbert Gstrein diese Verstümmelungen ohne Sentimentalität und er macht aus dem Grauen kein Pathos: Gerade deshalb trifft es! Beunruhigend wird der Roman dort, wo sich die Gewalt von einer Generation in die nächste fortsetzt, denn Adrian wird Lehrer und einer seiner Schüler, Martin Baumgartner, entwickelt eine Begeisterung für das Militär und zieht schließlich in den Krieg. Er wird Zeuge und Beteiligter von Erschießungen – und Adrian weiß davon! Und irgendwann muss er sich der bitteren Wahrheit stellen, dass er dem Ganzen nichts entgegengesetzt hat … Das ist vielleicht der dunkelste Kern des Romans: Man muss nicht selbst zuschlagen, um Teil einer Gewaltgeschichte zu werden! Norbert Gstrein macht es sich und uns dabei nicht leicht, denn er gibt Adrian keine eindeutige moralische Position, von der aus wir ihn bequem beurteilen könnten; stattdessen lässt er ihn durch die Jahrzehnte gehen – durch Monarchie, Weltkriege, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre. Adrian erschien mir wie ein Chamäleon der Geschichte: Er verändert seine Haltung, ohne sich selbst wirklich zu verändern. Und dann, fast unerwartet, kommt die Liebe … Denn im Alter reist Adrian nach England und begegnet Vivian; es ist keine große Erlösung, kein sentimentaler Schlussakkord, sondern eher ein spätes, vorsichtiges Öffnen. Als hätte ein Mensch, der sein ganzes Leben am Rand gestanden hat, für einen Augenblick den Mut, einen Schritt nach innen zu machen. Vielleicht liegt darin die leise Schönheit dieses Romans? Denn „Im ersten Licht“ ist ein Buch, das keinen Trost verspricht und dennoch lange nachwirkt und der Titel scheint dafür ein wunderbares Bild zu sein: jene Stunde zwischen Nacht und Tag, in der die Welt noch grau ist und Licht und Schatten nicht sauber voneinander zu trennen sind … Norbert Gstrein erzählt ein Jahrhundert, aber eigentlich erzählt er von etwas viel Näherem: von der menschlichen Fähigkeit, wegzusehen, sich herauszureden und weiterzuleben. Und von der vielleicht ebenso menschlichen Hoffnung, dass irgendwann doch ein anderes Licht fällt! Adrian hinkt weiter … Und ich habe ihn beim Zuklappen des Buches noch ein Stück begleitet. Eine unbedingte Lese-Empfehlung für das sanfte Licht an langen Herbstabenden!

Unzertrennlich
Taschenbuch
Band 52009
Irvin D. Yalom;Marilyn Yalom
Unzertrennlich
16,10 €
Unzertrennlich

Ich wusste schon nach den ersten Seiten, dass ich dieses Buch nicht einfach nebenbei lesen würde, denn zu nah fühlte sich an, was Irvin und Marilyn Yalom über ihre letzten gemeinsamen Monate erzählen. Dabei ist es gerade die ruhige, fast sachliche Art, mit der sie über Krankheit, Angst und Abschied schreiben, die mich besonders berührt hat. Hinter den Worten stehen keine erfundenen Figuren, sondern zwei Menschen, die nach 65 gemeinsamen Ehejahren wissen, dass ihnen nur noch wenig Zeit miteinander bleibt … „Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben“ erzählt von dieser letzten gemeinsamen Zeit; dabei geht es um das Sterben, aber für mich vor allem um das Weiterlieben, wenn das gemeinsame Leben plötzlich ein Ende haben wird. Irvin D. Yalom, einer der bekanntesten Psychotherapeuten und Vertreter der existentiellen Psychotherapie, und seine Frau Marilyn, eine renommierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, waren seit ihrer Jugend ein Paar. Als Marilyn dann an Krebs erkrankte und klar wurde, dass ihre Krankheit tödlich verlaufen würde, beschlossen sie, gemeinsam ein Buch über diese letzte Lebensphase zu schreiben – und was daraus entstand, ist zugleich Abschied, Erinnerung und Liebeserklärung. Gerade dieser Gedanke hat mich beim Lesen immer wieder berührt: Ihr erstes Gespräch drehte sich um Bücher, und auch ihre gemeinsame Geschichte endet mit einem Buch: „Unsere Beziehung begann und endete mit Büchern.“ Schreiben wird also hier zu einer Form des Festhaltens – gegen die Zeit und gegen das Vergessen … Das Buch ist abwechselnd aus Marilyns und Irvins Perspektive geschrieben; dadurch erlebt man dieselben Monate aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln: aus der Sicht der Sterbenden und aus der Sicht des Menschen, der zurückbleiben wird. Marilyn begegnet ihrem Tod zunehmend mit Klarheit, verabschiedet sich von Freunden und Familie, ordnet Dinge und versucht, ihren Mann auf ein Leben ohne sie vorzubereiten. Irvin dagegen möchte die Realität lange nicht akzeptieren, denn – obwohl er als Psychotherapeut viel Erfahrung mit Trauer hat – muss er feststellen, dass Wissen nicht vor Schmerz schützt. Gerade das hat mich beeindruckt, schreibt doch Irvin nicht nur als Psychotherapeut, sondern vor allem als Ehemann. So beschreibt er seine Angst, seine Hilflosigkeit und seine Verzweiflung – und manchmal analysiert er sich selbst, als würde er versuchen, seine Gefühle mit den Werkzeugen seines Berufs zu verstehen; doch gibt es gegen die Trauer keine Theorie, die sie verschwinden lässt! Beim Lesen habe ich viel geweint – und trotzdem empfand ich das Buch nie als ausschließlich traurig, denn zwischen Krankheit, Abschied und Tod liegt erstaunlich viel Wärme. Es geht um Freundschaft, Familie, Erinnerungen und die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht. Und auch das Älterwerden, das Loslassen der Arbeit und die Angst vor dem eigenen Tod spielen eine wichtige Rolle, doch vor allem aber geht es darum, wie zwei Menschen einander Halt geben, obwohl ihnen die gemeinsame Zukunft genommen wird. Besonders berührt haben mich die Fotografien im Buch, denn vor der Lektüre waren es für mich Bilder von zwei Menschen, die ich nicht kannte; danach jedoch sah ich sie anders! Plötzlich schienen Gesichter und Gesten eine Geschichte zu tragen und die Bilder wurden zu kleinen Fenstern in ein langes gemeinsames Leben – und wirkten auf mich gleichzeitig traurig und tröstlich … „Unzertrennlich“ ist für mich deshalb keine klassische Abhandlung über das Sterben, sondern eine Liebesgeschichte am äußersten Rand des Lebens. So versucht Marilyn, Irvin auf ihr Fortgehen vorzubereiten, während Irvin lernen muss, dass Liebe manchmal auch bedeutet, jemanden gehen zu lassen … Besonders eindrücklich fand ich den Gedanken: „Trauern ist der Preis, den wir zahlen, wenn wir den Mut haben, andere zu lieben.“ Vielleicht liegt darin die größte Wahrheit dieses Buches! Wer tief liebt, muss irgendwann auch Abschied nehmen; und doch ist der Abschied nicht das Gegenteil der Liebe – er ist ihr schmerzhafter Beweis … Ich habe dieses Buch mit Tränen in den Augen beendet, aber nicht mit einem Gefühl der Leere, sondern eher mit Dankbarkeit: nämlich dafür, dass Irvin und Marilyn Yalom ihre letzten gemeinsamen Monate mit uns geteilt haben und gezeigt haben, dass ein Leben auch im Angesicht des Todes bedeutsam bleiben kann. „Unzertrennlich“ ist eine stille, schonungslose und zugleich tröstliche Liebeserklärung – aneinander, an die Familie, an Freundschaften und vor allem an das Leben selbst. Ein Buch, das ich gerne noch einmal lesen würde, denn vielleicht verändert sich seine Bedeutung mit jedem Lebensabschnitt … Vielleicht liest man es dann nicht mehr nur mit Angst vor dem Tod, sondern auch mit einem tieferen Bewusstsein dafür, wie kostbar es ist, überhaupt jemanden zu haben, von dem man sich eines Tages verabschieden muss.

Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer
Taschenbuch
Band 52009
Josef Einwanger
Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer
8,30 €
Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer

Wie erzählt man Kindern von einem Krieg, den sie selbst nie erlebt haben? Wie macht man begreifbar, was es bedeutet, wenn Angst, Ideologie und Gewalt zum Alltag gehören? Josef Einwangers „Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer“ nähert sich diesen Fragen aus der Perspektive des zehnjährigen Felix; dadurch wird Geschichte nicht als ferne Abfolge von Jahreszahlen und Schlachten erzählt, sondern als unmittelbare Erfahrung eines Kindes, das die Welt um sich herum verstehen möchte. Wir befinden uns in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs: Felix zieht mit seiner Mutter von München aufs Land nach Simbach, während sein Vater an der Front kämpft und bald als gefallen gilt. Doch dann kehrt er heim – als Deserteur! Er muss sich verstecken, denn würde er entdeckt, drohen ihm und seiner Familie schwerwiegende Konsequenzen – und ausgerechnet ein zehnjähriger Junge wird damit zum Mitwisser eines lebensgefährlichen Geheimnisses … Felix lebt zwischen verschiedenen Welten: Da ist seine Mutter, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenübersteht, und die Familie Feik, überzeugte Nationalsozialisten und Nachbarn; gleichzeitig erlebt Felix jedoch mit Marta und dem Flüchtlingsjungen Tofan Freundschaft und kindliche Unbeschwertheit und gerade diese Begegnungen zeigen, dass selbst in einer Zeit von Krieg und Unterdrückung kleine Inseln des Menschlichen bestehen bleiben. Besonders berührend ist, dass Felix die Ereignisse nicht mit dem Wissen eines Erwachsenen erlebt, denn er versteht vieles nur teilweise, spürt die Angst der Erwachsenen und versucht dennoch, seinen eigenen Alltag zu bewahren. Er spielt, lässt Drachen steigen, entdeckt gemeinsam mit Marta sein „Glaszimmer“ –und schreibt mit ihr einen Brief an Hitler! Darin bitten die Kinder darum, dass der Krieg endlich aufhört und ihre Väter nach Hause zurückkehren können … In dieser kindlichen Bitte liegt die ganze Sinnlosigkeit des Krieges: Während Erwachsene über Macht und Ideologien entscheiden, wünschen sich Kinder vor allem eines – dass ihre Eltern leben und Frieden herrscht! Das Glaszimmer wird dabei zu einem eindrucksvollen Symbol, denn zwischen Glassplittern, die im Licht funkeln, entsteht ein kleiner Ort der Fantasie und des Staunens, während draußen Bomben fallen und die Welt von Angst bestimmt wird. Felix bewahrt sich dort einen Raum, in dem Schönheit möglich bleibt – und zugleich stehen die zarten und zerbrechlichen Glassplitter sinnbildlich für die Kindheit selbst. Josef Einwanger verarbeitet in seinem Roman auch Erfahrungen seiner eigenen Generation, denn der 1935 geborene Autor war am Ende des Krieges selbst etwa so alt wie Felix und dadurch erhält die Geschichte eine besondere Nähe: Sie vermittelt nicht nur historische Ereignisse, sondern auch das Lebensgefühl einer Kindheit, die von Krieg, Entbehrung und ideologischer Vereinnahmung geprägt war. Besonders eindringlich wird dies beim Bombenangriff auf Mühldorf, den Felix und seine Mutter unmittelbar erleben; und solche Szenen zeigen immer wieder, dass Krieg nicht nur an der Front stattfindet, sondern Bahnhöfe, Häuser und Familien erreicht – und vor allem Menschen trifft, die keine Verantwortung für die politischen Entscheidungen der Erwachsenen tragen … Gerade deshalb besitzt der Roman eine bemerkenswerte Aktualität, denn wenn heute über Krieg, Flucht, politische Radikalisierung und den Wert demokratischer Freiheit gesprochen wird, erinnert Josef Einwangers Geschichte daran, wie zerbrechlich Frieden und Freiheit sind. Felix erlebt, was geschieht, wenn Menschen ihre Meinung nicht mehr frei äußern können und politische Ideologien bis in den Alltag hineinreichen, doch der Roman erzählt nicht mit erhobenem Zeigefinger davon, sondern durch die Augen eines Kindes – und macht Geschichte gerade dadurch unmittelbar! Auch die Verfilmung „Das Glaszimmer“ aus dem Jahr 2022 erweitert diese Auseinandersetzung und überträgt Felix’ Geschichte in eindringliche Bilder; zwar setzen Film und Roman teilweise unterschiedliche Schwerpunkte, gemeinsam erzählen sie jedoch von einem Kind, das in den letzten Monaten des Nationalsozialismus zwischen Angst, Propaganda, Freundschaft und Hoffnung seinen Weg sucht. Am Ende der Lektüre blieb mir vor allem ein Gedanke: Felix ist kein Held, weil er unfehlbar wäre, sondern weil er trotz allem Kind bleibt – mit seiner Fantasie, seinen Fragen, seinen Ängsten und seiner Sehnsucht nach Frieden. „Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer“ erinnert daran, dass Geschichte nicht nur aus großen politischen Entscheidungen besteht, sondern auch aus den kleinen Geschichten der Menschen, die mit deren Folgen leben mussten. Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft des Buches: Frieden ist für ein Kind kein politisches Konzept; Frieden bedeutet vielmehr, dass der Vater nach Hause kommt, dass man mit Freunden spielen kann und dass niemand Angst haben muss, die Wahrheit zu sagen. Gerade deshalb wirken diese Geschichten heute so bedrückend aktuell, erinnern sie uns doch daran, dass Freiheit und Frieden keine Selbstverständlichkeiten sind – und dass Geschichte sich wiederholen kann, wenn Angst, Ausgrenzung, Ideologie und Gleichgültigkeit erneut Raum gewinnen …