Es gibt Bücher, bei denen man nach den ersten Seiten ahnt, dass sie einen nicht unberührt lassen werden: „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath war für mich genau so ein Buch, denn ich hatte das Gefühl, Esther Greenwood nicht einfach nur beim Scheitern zuzusehen, sondern gemeinsam mit ihr langsam den Boden unter den Füßen zu verlieren; Seite für Seite wurde die Welt, die anfangs noch voller Möglichkeiten und Verheißungen schien, enger – bis kaum noch Luft zum Atmen blieb. Dabei beginnt alles so verheißungsvoll, als in New York im Juni 1953 Esther nun neunzehn, klug, ehrgeizig und voller Pläne ist. Ein Sommer in der großen Stadt liegt vor ihr, ein Praktikum bei einem Modemagazin, Einladungen, Kleider, Männer, Tanzabende – das Versprechen eines Lebens, das glänzt und nach Zukunft aussieht. – Und doch liegt über all dem Glanz von Anfang an ein feiner Schatten, denn Esther betrachtet diese Welt, als stünde sie bereits ein wenig außerhalb von ihr … Während alle anderen zu wissen scheinen, wie man glücklich ist, verliert sie zunehmend das Gefühl dafür, was Glück für sie überhaupt bedeuten könnte. Besonders eindringlich fand ich das Bild, mit dem Sylvia Plath diesen bevorstehenden Absturz beschreibt: Eine Zukunft, die Esther zunächst wie eine „glänzende sichere Brücke“ erscheint, beginnt plötzlich zu schwanken und löst sich unter ihren Füßen auf; und das ist eines dieser Bilder, die man beim Lesen nicht mehr vergisst. Denn genau das geschieht im weiteren Verlauf des Romans: Die Brücke verschwindet, und Esther stürzt … Was mich an diesem Roman so berührt hat, ist die Schonungslosigkeit, mit der Sylvia Plath diesen Sturz beschreibt, denn sie schreibt nicht von außen über Depression, sondern lässt sie aus Esthers eigener Stimme heraus erfahrbar werden. So wird die Welt langsam fremd, die Zeit verliert ihre Ordnung, selbst die kleinsten Dinge können plötzlich unüberwindbar erscheinen. Die Autorin findet dafür keine großen Erklärungen, sondern Bilder, die sich unmittelbar festsetzen. Man liest sie und versteht für einen Moment etwas, das sich eigentlich kaum erklären lässt … Die titelgebende „Glasglocke“ ist dabei das vielleicht stärkste Bild des Romans, ist Esther doch von der Welt nicht wirklich getrennt – und fühlt sich doch unerreichbar weit von ihr entfernt! Alles ist sichtbar, alles ist zum Greifen nah, und trotzdem kommt nichts mehr zu ihr durch. Genau diese beklemmende Nähe und Ferne zugleich macht das Buch für mich so eindringlich! Doch „Die Glasglocke“ ist weit mehr als ein Roman über Depression, sondern es ist auch ein Buch über Erwartungen, Selbstbestimmung und die Frage, wie frei man wirklich sein kann, wenn einem ständig gesagt wird, wie das eigene Leben auszusehen hat. Esther möchte schreiben, lernen, arbeiten und unabhängig sein; und sie weigert sich, sich auf die Rolle festlegen zu lassen, die für eine junge Frau ihrer Zeit vorgesehen ist: Gerade dieses Ringen um ein selbstbestimmtes Leben macht den Roman zu einem bedeutenden Klassiker der feministischen Literatur. Esther ist dabei keine Heldin im klassischen Sinn, sondern ist widersprüchlich, verletzlich, manchmal bitter und oft hoffnungslos. Gerade deshalb wirkt sie so menschlich, den ihr Zusammenbruch erscheint nicht als plötzliches Ereignis, sondern als ein langsames Abgleiten. Und so wird aus der ehrgeizigen Studentin eine junge Frau, die an ihren eigenen Erwartungen und an denen ihrer Umwelt zu zerbrechen droht … Sylvia Plaths Sprache fasziniert mich besonders durch ihre Verbindung aus Schlichtheit und Bildgewalt, da sie einen Gedanken mit wenigen Worten formulieren und ihn gleichzeitig so aufladen kann, dass er lange nachhallt, während ihre Bilder niemals bloßer Schmuck sind – sie entstehen vielmehr aus Esthers Wahrnehmung und machen ihre innere Welt sichtbar! Und doch ist dieses Buch nicht nur dunkel – und gerade das hat mich am Ende bewegt, denn nach all der Enge, Verzweiflung und Sprachlosigkeit öffnet sich vorsichtig wieder ein Spalt; nein, keine einfache Erlösung, kein Versprechen, dass von nun an alles gut sein wird – sondern die Möglichkeit, wieder hinauszutreten … „Die Glasglocke“ ist für mich deshalb ein Roman über den Abgrund, aber ebenso über die Möglichkeit, von dort zurückzukehren. Und es ist ein Buch über eine junge Frau, die sich selbst verliert und langsam wiederzufinden beginnt … Ein schmerzhaftes, kluges und wunderschönes Buch, das einen nach der letzten Seite noch lange nicht loslässt. Und vielleicht liegt genau darin seine zeitlose Kraft: Sylvia Plath schreibt über die Dunkelheit, ohne den Blick für das Licht ganz zu verlieren. Wer wollte dabei nicht an den berühmten Vers aus Georg Trakls Gedicht „Verklärter Herbst“ denken: „Gewaltig endet so das Jahr / Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten; / Rund schweigen Wälder wunderbar / Und sind des Einsamen Gefährten.“ Ein wunderbares Kleinod für die herbstlichen Dämmerstunden!