Der titelgebende Jay „Gatsby“ gibt Partys, zu denen niemand eingeladen werden muss, denn an den Wochenenden strömen Menschen in seine Villa, trinken Champagner, tanzen, lachen, verschwinden wieder – doch kaum jemand weiß, wer Gatsby eigentlich ist … Vielleicht ist genau das der Punkt: Er hat sich eine Welt geschaffen, in der sein Name genügt. Nur einer fehlt auf all diesen Festen – Daisy Buchanan, die Frau, für die er diesen ganzen Aufwand betreibt! F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“, 1925 erschienen und inzwischen hundert Jahre alt, beginnt wie ein glänzendes Gesellschaftsstück und entwickelt sich langsam zu einer Geschichte über Verlust, Selbsttäuschung und die eigentümliche Macht vergangener Wünsche. Die neue Übersetzung von Bernhard Robben macht dabei deutlich, wie wenig Staub auf diesem schmalen Roman liegt und wie aktuell der Roman heute noch ist! Erzählt wird die Geschichte von Nick Carraway, einem jungen Broker, der nach Long Island zieht und dort in die Welt der Reichen gerät. Sein Nachbar Gatsby ist ein Mann, über den Gerüchte kursieren und dessen Vermögen ebenso undurchsichtig ist wie seine Herkunft. Und Nick entdeckt bald, dass hinter den rauschenden Festen ein einziger Wunsch steht: Gatsby will Daisy zurück … Daisy war seine große Liebe, bevor Geld und gesellschaftliche Stellung sie voneinander trennten; so hat Gatsby seither alles darangesetzt, die Distanz zwischen ihnen zu überwinden. Aus James Gatz, dem jungen Mann bescheidener Herkunft, wurde Jay Gatsby, eine sorgfältig inszenierte Figur des Erfolgs. Danei ist sein Vermögen Mittel zum Zweck: Es soll die Vergangenheit zurückholen! Gerade diese Vorstellung macht Gatsby für mich so faszinierend, denn er will nicht einfach eine Frau gewinnen, sondern einen früheren Augenblick seines Lebens wiederherstellen – als hätte sich die Zeit nur lange genug gegen ihn verschworen. Er glaubt, dass sich Vergangenheit korrigieren lässt, wenn man nur entschlossen genug ist. Sein Reichtum, sein Haus, seine Partys: Alles richtet sich auf einen Punkt, der längst hinter ihm liegt … F. Scott Fitzgerald erzählt davon mit einer bemerkenswerten Ökonomie; so entsteht auf kaum zweihundert Seiten eine ganze Gesellschaft: eine Welt aus altem und neuem Geld, aus Privilegien, Aufstiegshoffnungen und sozialer Kälte. Der Glanz der Zwanzigerjahre ist dabei nie nur Kulisse, sondern gehört zum Thema, denn Geld verspricht Freiheit, Schönheit und Zugang – und erweist sich doch als Grenze. So kann sich Gatsby zwar alles kaufen, außer Zugehörigkeit und Zeit. Besonders stark ist für mich die Figur des Erzählers Nick Carraway, der Beobachter bleibt und gerade dadurch zum moralischen Zentrum des Romans wird. Er bewundert Gatsby, obwohl er seine Illusionen durchschaut. Und vielleicht liegt darin auch die eigentliche Zärtlichkeit des Buches: Nick macht sich nicht über einen Mann lustig, der an etwas Unmögliches glaubt, sondern erkennt vielmehr, dass gerade diese Fähigkeit, an einem Wunsch festzuhalten, Gatsby zugleich groß und verloren macht … Auch Daisy bleibt widersprüchlich, denn sie ist nicht die ideale Geliebte, die Gatsby in ihr sehen möchte, sondern eine Frau, die sich für Sicherheit entschieden hat: Ihre Stimme, ihre Herkunft, ihr ganzes Auftreten sind eng mit Geld verbunden. – Und doch verurteilt Fitzgerald sie nicht eindeutig; vielmehr zeigt er, wie schwer es ist, sich innerhalb einer Gesellschaft gegen ihre Regeln zu stellen, wenn man von ihnen profitiert. Am Ende ist die Party vorbei – und was bleibt, ist Stille! Der Reichtum, der Glamour, die sorgfältig aufgebaute Identität – alles verliert plötzlich seine Bedeutung … Gatsby steht dann nicht mehr für Erfolg, sondern für die Hartnäckigkeit eines Menschen, der einen Traum so lange verfolgt, bis er die Wirklichkeit nicht mehr von seiner Vorstellung unterscheiden kann. Die von Bernhard Robben neu übersetzte und im Manesse Verlag erschienene Jubiläumsausgabe ergänzt Fitzgeralds Roman um Briefe, zeitgenössische Rezensionen, eine Zeittafel und ein Nachwort von Claudius Seidl. Doch auch ohne all diese Begleittexte bleibt der Roman erstaunlich unmittelbar und von beeindruckender Aktualität. Was dann nach der Lektüre zurückbleibt, ist weniger das Bild einer vergangenen Epoche als eine Frage, die unangenehm nah kommt: Wie viel von unserem Leben richten wir auf Dinge aus, die längst nicht mehr existieren? Gatsby kennt darauf keine andere Antwort als weiterzugehen … Vielleicht liegt gerade darin seine Größe – und sein Untergang.