Unsere Buch

Empfehlungen
Lorem ipsum dolor sit amet consectetur. Etpellentesque in aliquet sem id nibh neque. Accumsan at pharetra nisl vitae aenean scelerisque ultricies viverra. Tincidunt iaculis estat ed eu in. Justo in cursus eu sit sollicitudin null eget netus.
Empfehlung nach Genre filtern

Es gibt einen Moment beim Lesen dieses Buches, in dem ich aufgehört habe, mich zu fragen, was Ana Magdalena Bach eigentlich vorhat … Stattdessen fragte ich mich, was mit dem Mann passiert ist, der diese Frau erfunden hat? Ana Magdalena fährt jeden August auf eine karibische Insel, um Gladiolen auf das Grab ihrer Mutter zu legen; ein Ritual, schlicht und ein wenig melancholisch. Dann aber geschieht etwas, das zunächst fast nebensächlich wirkt: Sie nimmt einen fremden Mann mit auf ihr Hotelzimmer! Und: Im Jahr darauf tut sie es wieder … Und wieder … Aus dem kleinen Ausbruch wird eine Gewohnheit, aus der Gewohnheit eine zweite Existenz. Ich mochte diese Ausgangsidee sofort – vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht nach großer Befreiung aussieht, denn Ana Magdalena wird nicht plötzlich ein anderer Mensch, sondern entdeckt vielmehr eine Seite ihres eigenen Lebens, die offenbar die ganze Zeit unter der Oberfläche gelegen hat. Und das hat etwas Verstörendes – und etwas sehr Schönes! Doch während ich las, begann sich ein anderes Gefühl einzuschleichen, denn immer wieder stieß ich auf Sätze, bei denen ich dachte: Ja, da ist er wieder, der García Márquez, den ich kenne! „Wir sehen uns im August“ ist ein Text, dessen Unfertigkeit selbst zur Lektüre gehört: García Márquez schrieb ihn nämlich in einer Zeit, in der seine Demenz seine Fähigkeit zu schreiben immer stärker beeinträchtigte. Er selbst hielt das Manuskript für nicht gelungen und wollte, dass es vernichtet wird, doch seine Söhne entschieden sich zehn Jahre nach seinem Tod dagegen und ließen es veröffentlichen. Seitdem steht dieses schmale Buch ein wenig zwischen zwei Gräbern: auf der einen Seite das Grab von Ana Magdalenas Mutter, zu dem sie jedes Jahr zurückkehrt, auf der anderen das Grab des Schriftstellers, von dem hier noch einmal eine Stimme zu hören ist. Dabei blitzt der alte García Márquez immer wieder auf in den karibischen Landschaften, in der Hitze, im Meer, in der Musik. Manche Bilder sind von jener eigentümlichen Leichtigkeit, die seine Prosa so unverwechselbar macht; auch Ana Magdalena ist eine interessante Figur, denn sie ist eine Frau, die in einem scheinbar geglückten Leben plötzlich merkt, dass Glück und Gewohnheit nicht dasselbe sind. Und gerade deshalb ist der Schluss so verstörend, da Ana Magdalena zu begreifen glaubt, warum ihre Mutter auf der Insel begraben werden wollte; so lässt sie den Leichnam exhumieren und bringt ihn ihrem Mann nach Hause – und dann endet die Geschichte … Ein absurdes, rätselhaftes Ende – und zugleich eines, das man dem García Márquez dieser letzten Seiten durchaus zutraut. Denn dieses Buch schenkt einem noch einmal etwas von einem großen Erzähler – und zwingt einen zugleich dabei zuzusehen, wie dieser Erzähler seine Möglichkeiten verliert … Wer García Márquez also noch nicht kennt, sollte hier nicht beginnen, denn sein berühmter Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist der bessere Eingang in seine Welt. Wer ihn aber bereits liebt, wird „Wir sehen uns im August“ vielleicht trotz seiner Brüche lesen wollen! Ich jedenfalls bin froh, es gelesen zu haben – und zwar nicht, weil ich darin ein verborgenes Meisterwerk gefunden hätte, sondern weil dieses kleine Buch etwas Seltenes zeigt: nicht nur, was Literatur vermag, sondern auch, wie verletzlich deren Entstehung ist …

Mehr
Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck