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Ich wusste schon nach den ersten Seiten, dass ich dieses Buch nicht einfach nebenbei lesen würde, denn zu nah fühlte sich an, was Irvin und Marilyn Yalom über ihre letzten gemeinsamen Monate erzählen. Dabei ist es gerade die ruhige, fast sachliche Art, mit der sie über Krankheit, Angst und Abschied schreiben, die mich besonders berührt hat. Hinter den Worten stehen keine erfundenen Figuren, sondern zwei Menschen, die nach 65 gemeinsamen Ehejahren wissen, dass ihnen nur noch wenig Zeit miteinander bleibt … „Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben“ erzählt von dieser letzten gemeinsamen Zeit; dabei geht es um das Sterben, aber für mich vor allem um das Weiterlieben, wenn das gemeinsame Leben plötzlich ein Ende haben wird. Irvin D. Yalom, einer der bekanntesten Psychotherapeuten und Vertreter der existentiellen Psychotherapie, und seine Frau Marilyn, eine renommierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, waren seit ihrer Jugend ein Paar. Als Marilyn dann an Krebs erkrankte und klar wurde, dass ihre Krankheit tödlich verlaufen würde, beschlossen sie, gemeinsam ein Buch über diese letzte Lebensphase zu schreiben – und was daraus entstand, ist zugleich Abschied, Erinnerung und Liebeserklärung. Gerade dieser Gedanke hat mich beim Lesen immer wieder berührt: Ihr erstes Gespräch drehte sich um Bücher, und auch ihre gemeinsame Geschichte endet mit einem Buch: „Unsere Beziehung begann und endete mit Büchern.“ Schreiben wird also hier zu einer Form des Festhaltens – gegen die Zeit und gegen das Vergessen … Das Buch ist abwechselnd aus Marilyns und Irvins Perspektive geschrieben; dadurch erlebt man dieselben Monate aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln: aus der Sicht der Sterbenden und aus der Sicht des Menschen, der zurückbleiben wird. Marilyn begegnet ihrem Tod zunehmend mit Klarheit, verabschiedet sich von Freunden und Familie, ordnet Dinge und versucht, ihren Mann auf ein Leben ohne sie vorzubereiten. Irvin dagegen möchte die Realität lange nicht akzeptieren, denn – obwohl er als Psychotherapeut viel Erfahrung mit Trauer hat – muss er feststellen, dass Wissen nicht vor Schmerz schützt. Gerade das hat mich beeindruckt, schreibt doch Irvin nicht nur als Psychotherapeut, sondern vor allem als Ehemann. So beschreibt er seine Angst, seine Hilflosigkeit und seine Verzweiflung – und manchmal analysiert er sich selbst, als würde er versuchen, seine Gefühle mit den Werkzeugen seines Berufs zu verstehen; doch gibt es gegen die Trauer keine Theorie, die sie verschwinden lässt! Beim Lesen habe ich viel geweint – und trotzdem empfand ich das Buch nie als ausschließlich traurig, denn zwischen Krankheit, Abschied und Tod liegt erstaunlich viel Wärme. Es geht um Freundschaft, Familie, Erinnerungen und die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht. Und auch das Älterwerden, das Loslassen der Arbeit und die Angst vor dem eigenen Tod spielen eine wichtige Rolle, doch vor allem aber geht es darum, wie zwei Menschen einander Halt geben, obwohl ihnen die gemeinsame Zukunft genommen wird. Besonders berührt haben mich die Fotografien im Buch, denn vor der Lektüre waren es für mich Bilder von zwei Menschen, die ich nicht kannte; danach jedoch sah ich sie anders! Plötzlich schienen Gesichter und Gesten eine Geschichte zu tragen und die Bilder wurden zu kleinen Fenstern in ein langes gemeinsames Leben – und wirkten auf mich gleichzeitig traurig und tröstlich … „Unzertrennlich“ ist für mich deshalb keine klassische Abhandlung über das Sterben, sondern eine Liebesgeschichte am äußersten Rand des Lebens. So versucht Marilyn, Irvin auf ihr Fortgehen vorzubereiten, während Irvin lernen muss, dass Liebe manchmal auch bedeutet, jemanden gehen zu lassen … Besonders eindrücklich fand ich den Gedanken: „Trauern ist der Preis, den wir zahlen, wenn wir den Mut haben, andere zu lieben.“ Vielleicht liegt darin die größte Wahrheit dieses Buches! Wer tief liebt, muss irgendwann auch Abschied nehmen; und doch ist der Abschied nicht das Gegenteil der Liebe – er ist ihr schmerzhafter Beweis … Ich habe dieses Buch mit Tränen in den Augen beendet, aber nicht mit einem Gefühl der Leere, sondern eher mit Dankbarkeit: nämlich dafür, dass Irvin und Marilyn Yalom ihre letzten gemeinsamen Monate mit uns geteilt haben und gezeigt haben, dass ein Leben auch im Angesicht des Todes bedeutsam bleiben kann. „Unzertrennlich“ ist eine stille, schonungslose und zugleich tröstliche Liebeserklärung – aneinander, an die Familie, an Freundschaften und vor allem an das Leben selbst. Ein Buch, das ich gerne noch einmal lesen würde, denn vielleicht verändert sich seine Bedeutung mit jedem Lebensabschnitt … Vielleicht liest man es dann nicht mehr nur mit Angst vor dem Tod, sondern auch mit einem tieferen Bewusstsein dafür, wie kostbar es ist, überhaupt jemanden zu haben, von dem man sich eines Tages verabschieden muss.

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Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck