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Adrian Reiter ist keine Figur, die man sofort ins Herz schließt, – und doch ist er mir beim Lesen immer nähergekommen; vielleicht gerade deshalb? Denn er besitzt nichts von der Klarheit eines Helden, nichts von der beruhigenden Eindeutigkeit eines Menschen, der stets weiß, was richtig ist, sondern er hinkt durch sein Jahrhundert, ein wenig schief, ein wenig abseits, und sieht den anderen beim Leben zu: beim Aufbrechen, beim Scheitern, beim Sterben. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Adrian gerade deshalb so wirklich wirkt, weil er uns nicht erlaubt, uns selbst allzu schnell für die Besseren zu halten … Sein Leben beginnt mit einem Axthieb, denn im Jahre 1917, als der Erste Weltkrieg tobt, schlägt sein Vater ihm das Bein entzwei, damit der Sohn nicht an die Front muss! Eine grausame Rettung, ein Glück mit einer Narbe … und Adrian kommt davon, aber vielleicht kommt man von einem Krieg, dem man entgeht, nicht wirklich davon? Von da an begegnet Adrian immer wieder jenen, die nicht davongekommen sind: jungen Männern mit zerstörten Gesichtern, verstümmelten Körpern und Erinnerungen, die sich nicht abschütteln lassen; er beobachtet sie, sammelt ihre Geschichten und verfolgt ihre Schicksale beinahe mit buchhalterischer Genauigkeit. Und während andere mit Orden oder Wunden aus dem Krieg heimkehren, trägt Adrian nur sein hinkendes Bein – und doch wird der Krieg zu seiner lebenslangen Obsession. Darin liegt für mich die verstörende Kraft von Norbert Gstreins „Im ersten Licht“, denn der Roman erzählt den Krieg nicht aus der Perspektive des Kämpfers, sondern aus jener des Menschen, der danebensteht … Und dieses Danebenstehen wird mit jedem Kapitel unangenehmer! Dabei ist Adrian kein Held: Er kämpft in keinem Krieg, trägt keine Uniform, aber er schaut zu und weiß vieles und tut wenig … Er passt sich an, schweigt, weicht aus – und gerade diese unspektakuläre Form des Versagens macht ihn so schwer zu greifen. So fragt Norbert Gstrein nicht laut nach Schuld, sondern legt sie zwischen die Sätze und lässt sie dort liegen … Wie viel Schuld kann in einem Schweigen wohnen? Doch eine einfache Antwort gibt es nicht – und überhaupt misstraut Gstrein den einfachen Antworten. Was mich besonders beeindruckt hat, ist, dass seine Sätze lang sind, verschlungen, manchmal beinahe atemlos, denn sie kreisen um einen Gedanken, verlassen ihn, kehren verändert zu ihm zurück, – als müsste auch die Sprache erst einen Weg durch dieses Jahrhundert finden …. Selbst die Syntax scheint manchmal zu hinken wie Adrian! Besonders eindringlich waren für mich die Gesichter der Kriegsheimkehrer: junge Männer, deren Gesichter von Narben zerschnitten und bis zur Unkenntlichkeit verändert sind, dabei beschreibt Norbert Gstrein diese Verstümmelungen ohne Sentimentalität und er macht aus dem Grauen kein Pathos: Gerade deshalb trifft es! Beunruhigend wird der Roman dort, wo sich die Gewalt von einer Generation in die nächste fortsetzt, denn Adrian wird Lehrer und einer seiner Schüler, Martin Baumgartner, entwickelt eine Begeisterung für das Militär und zieht schließlich in den Krieg. Er wird Zeuge und Beteiligter von Erschießungen – und Adrian weiß davon! Und irgendwann muss er sich der bitteren Wahrheit stellen, dass er dem Ganzen nichts entgegengesetzt hat … Das ist vielleicht der dunkelste Kern des Romans: Man muss nicht selbst zuschlagen, um Teil einer Gewaltgeschichte zu werden! Norbert Gstrein macht es sich und uns dabei nicht leicht, denn er gibt Adrian keine eindeutige moralische Position, von der aus wir ihn bequem beurteilen könnten; stattdessen lässt er ihn durch die Jahrzehnte gehen – durch Monarchie, Weltkriege, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre. Adrian erschien mir wie ein Chamäleon der Geschichte: Er verändert seine Haltung, ohne sich selbst wirklich zu verändern. Und dann, fast unerwartet, kommt die Liebe … Denn im Alter reist Adrian nach England und begegnet Vivian; es ist keine große Erlösung, kein sentimentaler Schlussakkord, sondern eher ein spätes, vorsichtiges Öffnen. Als hätte ein Mensch, der sein ganzes Leben am Rand gestanden hat, für einen Augenblick den Mut, einen Schritt nach innen zu machen. Vielleicht liegt darin die leise Schönheit dieses Romans? Denn „Im ersten Licht“ ist ein Buch, das keinen Trost verspricht und dennoch lange nachwirkt und der Titel scheint dafür ein wunderbares Bild zu sein: jene Stunde zwischen Nacht und Tag, in der die Welt noch grau ist und Licht und Schatten nicht sauber voneinander zu trennen sind … Norbert Gstrein erzählt ein Jahrhundert, aber eigentlich erzählt er von etwas viel Näherem: von der menschlichen Fähigkeit, wegzusehen, sich herauszureden und weiterzuleben. Und von der vielleicht ebenso menschlichen Hoffnung, dass irgendwann doch ein anderes Licht fällt! Adrian hinkt weiter … Und ich habe ihn beim Zuklappen des Buches noch ein Stück begleitet. Eine unbedingte Lese-Empfehlung für das sanfte Licht an langen Herbstabenden!

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Katja Hölzl aus der Tyrolia-Filiale in Innsbruck