Rezensionen

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste
Roman | "Man muss die ganze Zeit lachen!" Elke Heidenreich

Autor: Jakob Hein

Erschienen 2026 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00854-8

Katja Hölzl

Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste - 5 Sterne

Jakob Heins Roman „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ beginnt dort, wo jeder vernünftige historische Roman besser nicht beginnen sollte: in der lähmenden Langeweile einer DDR-Behörde! Grischa Tannberg, junger Mitarbeiter der Staatlichen Planungskommission, sitzt nämlich in einem Land, das alles plant und doch erstaunlich wenig zu tun hat. Und so wächst in ihm zwischen Frühstücksbroten, Sitzungen und der hohen Kunst des gepflegten Nichtstuns allerdings eine Idee, die so absurd ist, dass sie beinahe genial wirkt: Wenn Afghanistan schon nichts zu bieten hat, womit die DDR Handel treiben könnte – warum nicht Cannabis?
Was dann folgt, ist eine der wunderbarsten historischen Volten, die ich seit Langem gelesen habe, denn Jakob Hein nimmt ein reales Rätsel der deutsch-deutschen Geschichte – den Milliardenkredit, den Franz Josef Strauß der DDR Mitte der achtziger Jahre ermöglichte – und setzt ihm eine völlig verrückte Alternativerzählung zur Seite. Ausgerechnet ein schüchterner Jungsozialist soll den Schlüssel zur Rettung des Sozialismus gefunden haben: afghanischer Hanf, verkauft für harte D-Mark an die Westjugend, also: man muss diese Idee erst einmal haben! Und man muss vor allem den Mut besitzen, sie konsequent bis zum Ende zu erzählen …
Das Schönste an Grischa ist dabei seine völlige Unaufgeregtheit, ist er doch kein Held im klassischen Sinn, kein charismatischer Revolutionär, kein großer Denker, sondern wirkt eher wie jemand, der zufällig in eine Geschichte geraten ist, die viel größer ist als er selbst. Und gerade darin liegt sein Charme! Während um ihn herum Funktionäre nervös werden, Minister staunen und Geheimdienste ihre Fühler ausstrecken, bleibt Grischa erstaunlich gelassen, denn er entwickelt seine Utopien mit der Sachlichkeit eines Beamten und der Fantasie eines Menschen, der zu viele ungewöhnliche Filme gesehen hat.
Dabei beherrscht der Autor Jakob Hein einen besonderen Ton: Seine Komik entsteht nicht durch laute Pointen, sondern durch die Reibung zwischen der vollkommen absurden Situation und der „bierernsten“ Sprache des sozialistischen Apparats. Wenn darüber beraten wird, ob Cannabis die Attraktivität der DDR für westdeutsche Jugendliche erhöhen könnte, klingt das zunächst wie eine wissenschaftliche Untersuchung – und gerade deshalb ist es so komisch … So wird die ideologische Sprache zum literarischen Fundstück, zum Fossil einer vergangenen Welt, das plötzlich wieder lebendig wird.
Überhaupt ist diese DDR in dem Roman weniger graue Mauer als groteskes Theater; da reisen Funktionäre etwa als harmlose Ehepaare getarnt nach Kabul, besichtigen Hanffelder und überlegen, welche Auswirkungen der Rausch auf die sozialistische Gesinnung haben könnte. Später wollen Westberliner Hippies nicht etwa aus dem Osten fliehen, sondern hinein – angelockt vom Schwarzen Afghanen! Die Geschichte dreht die gewohnten Bilder einfach um – und so wird plötzlich die Mauer zur falschen Seite hin gestürmt …
Dabei ist Jakob Hein keineswegs an „Ostalgie“ interessiert, was für uns Lesende heute wichtig ist und den Roman für mich besonders angenehm macht, da die DDR nicht verklärt wird, sondern sich in ihrer bürokratischen Absurdität vorgeführt sieht. Gleichzeitig erspart sich der Autor auch eine Art moralinsaurer Abrechnung, denn er vertraut auf die Komik der Verhältnisse – und die sind, wie die Geschichte zeigt, ohnehin absurd genug. Dass reale Figuren wie Strauß oder andere politische Größen in diese literarische Farce hineinragen, verstärkt den Effekt: Man lacht, und im nächsten Moment denkt man daran, dass manche dieser Verrücktheiten tatsächlich einen historischen Kern besitzen …
Was mir an diesem Roman besonders gefällt, ist deshalb seine Leichtigkeit, da Jakob Hein Geschichte nicht als Lehrstück erzählt, sondern als Schelmenstück: Er nimmt die großen Fragen – Sozialismus, Kapitalismus, Grenzen, Geld und Weltpolitik – und betrachtet sie durch das Schlüsselloch einer Behörde, in der zunächst einmal niemand weiß, wie man den Arbeitstag herumbringen soll; und daraus entsteht eine angenehm anarchische Perspektive auf die deutsche Vergangenheit.
Am Ende bleibt bei mir vor allem das Gefühl, einen sehr eigenwilligen, klugen und ungeheuer unterhaltsamen Roman gelesen zu haben: „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ ist keine historische Wahrheit – aber vielleicht gerade deshalb eine überraschend gute Möglichkeit, sich der Wahrheit zu nähern, denn Jakob Hein zeigt einmal mehr, dass Geschichte manchmal selbst die beste Satire schreibt: Man muss ihr nur aufmerksam genug zuhören! Und gelegentlich ein bisschen „Gras“ wachsen lassen …