Rezensionen

Die Vegetarierin
Roman | Nobelpreis für Literatur 2024

Autor: Han Kang

Erschienen 2026 bei Ullstein Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-548-07500-6

Katja Hölzl

Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.

Die Vegetarierin - 5 Sterne

Han Kangs „Die Vegetarierin“ hat mich beim Lesen immer wieder an einen Punkt gebracht, an dem ich nicht mehr wusste, ob ich mich
gerade abgestoßen fühle oder fasziniert bin; – und genau diese Unsicherheit macht für mich die eigentliche Kraft dieses Romans aus!
Er lässt sich nicht bequem auf eine Botschaft reduzieren und gibt mir auch nach der letzten Seite nicht das Gefühl, ihn vollständig
verstanden zu haben, sondern stattdessen bleiben Bilder zurück: Fleisch, Blut, Blumen, nackte Haut – und eine Frau, die sich der Welt
zunehmend entzieht …
Im Mittelpunkt steht Yong-Hye, eine zunächst völlig unscheinbare Frau, doch ihr Ehemann hat sie gerade deshalb geheiratet: Sie stellt
keine Ansprüche, widerspricht nicht und scheint perfekt in ein Leben aus Routine und gesellschaftlicher Erwartbarkeit zu passen. Dann
hat sie einen Traum … und plötzlich isst sie kein Fleisch mehr. Was zunächst wie eine kleine persönliche Entscheidung wirkt, wird zum
Erdbeben, ja zur Katastrophe, denn Eier und Milch verschwinden aus dem Haushalt, später verweigert Yong-Hye immer mehr als nur
Nahrung, denn sie beginnt, ihren eigenen Körper und schließlich ihre Existenz grundsätzlich infrage zu stellen.
Das Verstörende für uns Lesende daran ist, dass Yong-Hye selbst kaum eine Stimme bekommt, da der Roman sie aus den Perspektiven
ihres Ehemanns, ihres Schwagers und ihrer Schwester erzählt – und dadurch entsteht eine schmerzhafte Leerstelle: Alle reden über
Yong-Hye, alle versuchen, sie zu erklären, zu kontrollieren oder zu retten – doch niemand hört ihr wirklich zu! Gerade dieses Schweigen
macht ihre Figur so eindringlich und für mich wurde Yong-Hye dadurch zu einer Art literarischem Echo: Je mehr die anderen über sie
sprechen, desto deutlicher spürt man, dass ihr eigentliches Inneres für sie unerreichbar bleibt.
Han Kang erzählt mit einer Sprache, die erstaunlich kühl und präzise wirkt, was mich unglaublich fasziniert hat, denn gerade deshalb
entfalten die surrealen und körperlich intensiven Szenen ihre Wucht: Blut, Fleisch, Blumen, Haut und Pflanzen verschieben ständig ihre
Bedeutung … Was zunächst als Ekel erscheint, kann im nächsten Moment sinnlich werden; was schön wirkt, bekommt etwas
Bedrohliches, wobei ich die Verbindung von Körper und Widerstand besonders eindringlich und stark fand. Yong-Hyes Verweigerung
ist nicht nämlich laut: Sie demonstriert nicht, hält keine Reden und formuliert kein politisches Programm … – nein, ihr Protest besteht
zunächst schlicht darin, etwas nicht mehr zu tun, was mich an den berühmten Schreiber Bartleby erinnert hat: „I would prefer not to“…
Darin liegt für mich die eigentliche Sprengkraft des Romans! „Die Vegetarierin“ erzählt zwar sehr spezifisch von südkoreanischen
Familien- und Gesellschaftsstrukturen, berührt aber etwas universell Menschliches: Was geschieht mit einem Menschen, der sich
weigert, die Rolle zu spielen, die andere für ihn vorgesehen haben? Wie viel Selbstbestimmung darf ein Individuum beanspruchen,
wenn seine Entscheidungen für die Umgebung unverständlich oder bedrohlich werden?
Han Kang macht jedoch daraus keine eindeutige Botschaft, denn sie erklärt Yong-Hye nicht: Ist sie krank? Ist sie eine radikale
Verweigerin? Eine Gefangene patriarchaler Gewalt? Oder sucht sie auf erschreckende Weise nach einer Existenz jenseits menschlicher
Gewalt und Bedürfnisse? Vielleicht ist gerade die Unbeantwortbarkeit dieser Fragen die große Stärke des Romans; – dass Han Kang
2024 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, gibt der erneuten Lektüre eine besondere Perspektive, wie ein Siegel der
Bestätigung, dass der Roman eine wunderbare eigene Kraft besitzt. Die deutsche Ausgabe erschien 2016 im Aufbau Verlag; inzwischen
liegt das Buch auch in einer Neuauflage von 2026 als Taschenbuch im Ullstein Verlag vor und wer Han Kang bislang nur als
Nobelpreisträgerin kennt, findet hier einen besonders eindringlichen Zugang zu ihrem Werk.
Mich hat vor allem die stille Radikalität dieses Buches beeindruckt, denn „Die Vegetarierin“ schreit nicht, sondern sie flüstert – und
gerade dieses Flüstern wird irgendwann unerträglich laut! Es ist ein Buch über das Recht, anders zu sein, über die Gewalt, die in
scheinbar normalen Familienstrukturen verborgen sein kann, und über den Wunsch, dem eigenen Körper und der eigenen Existenz
wieder selbst zu gehören. Nach der letzten Seite bleibt kein beruhigendes Gefühl zurück; nein, es ist eher ein Nachhall, ein Bild von
Blumen auf nackter Haut, ein Traum von einem Baum und schließlich die beunruhigende Frage, ob Freiheit manchmal genau dort
beginnt, wo ein Mensch einfach sagt: Nein.