„Man kann ja viel über unsere Familie sagen, aber langweilig war es selten.“ Bis sie zwölf war, hatten Gemma und ihre drei jüngeren Geschwister eine Mom wie jede andere. Frankie Endicott war vielleicht ein bisschen zerstreuter, ein bisschen unzuverlässiger als andere Mütter, aber meistens schaffte sie es doch, ihren Kinder die Haare zu bürsten und die Brote für die Schule zu schmieren. Eines Tages jedoch finden die Kinder nach der Schule nur einen Thunfischauflauf im Kühlschrank und einen Zettel, der besagt, dass ihre Mutter für eine Weile weg sein würde. Das war im Mai, und erst im August ist Frankie wiedergekommen, um ihre Kinder auf den ersten von vielen Roadtrips durch die verschiedenen Bundesstaaten der USA mitzunehmen. Aber schon da kommt ihnen Frankie nicht mehr wie eine Mutter vor, sondern wie eine Fremde, und als dann auch noch der schreckliche Unfall passiert, bei dem Jude beinahe ihr Leben verloren hätte, verbietet der Vater Frankie den Umgang mit ihren Kindern ein für alle Mal. Und so ist es Gemma, die ihre jüngeren Geschwister praktisch großzieht, die darauf achtet, dass Connor abends im Bett nicht zu lange liest, die vor dem Fußballtraining Roddys Asthmaspray sucht und die ein Auge auf Jude hat – und deswegen müsste eigentlich Gemma die berühmteste von ihnen allen sein. Aber als Erwachsene ist Gemma die mit dem langweiligen Bürojob, während Connor ein gefeierter Bestsellerautor, Roddy ein hochdotierter Fußballer und Jude eine oscarnominierte Hollywoodschauspielerin geworden sind. Das mag zunächst etwas ungewöhnlich klingen, diese Häufung von Berühmtheit in einer einzigen Familie, aber schon als Kinder nannten sich die vier Geschwister „die außergewöhnlichen Endicotts“. Doch diese Zeiten, in denen die vier zusammen so außergewöhnlich und unzertrennlich waren, sind lange vorbei. Das liegt zu einem großen Teil an dem Roman, den Connor geschrieben hat und der ein preisgekrönter Bestseller wurde. Den Titel „Die fast wahre Geschichte der erstaunlichen Atkinsons“ hätten ihm seine Geschwister vielleicht noch durchgehen lassen, aber dass er in der Geschichte IHRE Geschichte ungefiltert verarbeitet – das hat vor Jahren zu dem riesengroßen Streit geführt, und seitdem herrscht Funkstille zwischen ihnen, seit über drei Jahren schon. „Das hört sich nach einer langen Zeit an. Aber Jahre bestehen aus Tagen, und Tage vergehen mit beängstigender Geschwindigkeit. – Mehr als tausend Tage, ohne einander zu sehen. Connor kann sich kaum eine schlimmere Familientradition ausmalen.“ Ob das gemeinsame Wochenende in North Dakota – warum ausgerechnet North Dakota, und das im tiefsten Winter! –, zu dem Jude sie alle eingeladen hat, dazu beitragen kann, die Entfremdung zwischen den Geschwistern aufzuheben und die Dinge wieder ins Lot zu rücken? „An diesem Wochenende geht es darum vorwärtszugehen, nicht rückwärts. Ich habe keine Energie mehr, mit euch zu streiten. Nicht mit euch dreien. Ich will unsere Familie zurück!“ Jennifer E. Smith erzählt ihren wunderbaren Roman abwechselnd aus der Sicht der vier Geschwister, springt dabei auch in Rückblenden durch die Jahre und lässt uns mit den vier Endicott-Kindern durch einen Großteil der US-Bundesstaaten reisen (hier kann man echt noch was lernen!) – und aus all diesen Mosaikstückchen setzt sich langsam das Gesamtbild dieser erstaunlichen und außergewöhnlichen Familie zusammen. „Ein Riesenspaß für die ganze Familie“ ist ein ganz besonderes Buch, das zu Herzen geht, ohne dabei kitschig zu sein. Die vier Geschwister sind mir während der Lektüre wirklich ans Herz gewachsen und man fiebert mit ihnen mit, ob sie wirklich miteinander fertig sind. „Glaubst du, dass es zwischen uns jemals wieder gut sein wird?“, fragt Jude. „Zwischen dir und mir?“, fragt Gemma und überlegt einen Moment. „Ja. Aber nicht heute.“ „Damit kann ich leben“, sagt Jude. Dieser Dialog zwischen den beiden Schwestern gibt Anlass zur Hoffnung – auch darauf, dass nach dem jahrelangen Nicht-Treffen der Geschwister, das ihnen, so wie alles im Leben, schon zur Gewohnheit geworden ist, aus vier getrennten Menschen, jeder in seiner Welt, doch wieder eine Einheit werden kann.