Rezensionen

Yellowface
Roman. »Rasiermesserscharf!« TIME

Autor: Rebecca F. Kuang

Erschienen 2025 bei Eichborn
ISBN 978-3-8479-0214-0

Yellowface - 5 Sterne

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Protagonistin namens June Hayward ist keine Figur, der man sich leicht anvertraut, denn sie ist
neidisch, ehrgeizig und voller Selbstzweifel – und gleichzeitig so überzeugt von ihrer eigenen Version der Wahrheit, dass man ihr beim
Lesen beinahe dabei zusehen kann, wie sie sich ihre Wirklichkeit zurechtlegt. Genau diese Widersprüchlichkeit hat mich an „Yellowface“
von R. F. Kuang fasziniert … Ich wollte June nicht unbedingt mögen! Viel interessanter war für mich die Frage, wie weit sie bereit ist
zu gehen, um endlich das Leben zu bekommen, von dem sie glaubt, dass es ihr zusteht.
June möchte Schriftstellerin sein, doch während ihre Studienfreundin Athena Liu mit ihren Romanen gefeiert wird, bleibt June erfolglos;
zwischen den beiden liegt eine Freundschaft, die nie ganz frei von Konkurrenz ist. June bewundert Athena, beneidet sie und fühlt sich
ihr zugleich überlegen – und als Athena plötzlich stirbt, nimmt June deren fertiges Manuskript an sich, überarbeitet es und veröffentlicht
es unter dem Namen Juniper Song.
Was zunächst wie eine einzelne moralische Grenzüberschreitung wirkt, wird schnell zu einem Netz aus Lügen. Das Faszinierende daran:
June sieht sich selbst nicht als Betrügerin; für jeden Schritt findet sie eine Erklärung. Sie habe den Text schließlich verändert, eigene
Arbeit hineingesteckt und einer wichtigen Geschichte überhaupt erst ein Publikum verschafft … So wird aus einem Diebstahl in ihrer
Vorstellung allmählich eine Rechtfertigung. Gerade darin liegt für mich die größte Stärke des Romans, denn June ist keine
eindimensionale Bösewichtin, sondern erschreckend menschlich. Rebecca F. Kuang zeigt, wie leicht moralische Grenzen
verschwimmen können, wenn Ehrgeiz, Kränkung und der Wunsch nach Anerkennung zusammenkommen: June belügt nicht nur andere
– irgendwann glaubt sie selbst an ihre Version der Geschichte.
Damit stellt der Roman unweigerlich die Frage nach kultureller Aneignung: Darf eine weiße Autorin über chinesische Geschichte
schreiben? Wo endet literarische Freiheit und wo beginnt die Ausbeutung einer fremden Perspektive? Besonders gelungen finde ich,
dass Kuang darauf keine einfache Antwort gibt, sondern unterschiedliche Positionen aufeinanderprallen lässt.
Gleichzeitig nimmt sie den Literaturbetrieb und die sozialen Medien scharf ins Visier, denn sobald Junes Geheimnis öffentlich wird,
verwandelt sich Kritik in Empörung und Empörung in einen Shitstorm, Kommentare werden zu Urteilen, Vermutungen zu Tatsachen!
Kuang beschreibt diese Dynamik so glaubwürdig, dass ich mich beim Lesen mehrfach gefragt habe, wie schnell sich eine öffentliche
Meinung tatsächlich verselbstständigen kann. Trotz der ernsten Themen ist „Yellowface“ dabei erstaunlich unterhaltsam – nicht zuletzt
wegen des schwarzen Humors, mit dem Kuang die Eitelkeiten des Literaturbetriebs, seine Vermarktungsstrategien und die Bedeutung
der öffentlichen Identität einer Autorin entlarvt.
Besonders stark ist für mich die Ich-Perspektive, denn June erzählt selbst – und genau dadurch entsteht eine unangenehme Nähe. Ich
wusste oft, dass ihre Argumentation nicht stimmt, konnte aber gleichzeitig nachvollziehen, warum sie selbst daran glauben möchte.
Diese Spannung zwischen Wahrheit und Selbsttäuschung trägt den Roman und entwickelt einen Sog, dem ich mich kaum entziehen
konnte …
Auch Athena bleibt nach ihrem Tod präsent. Je erfolgreicher June mit ihrem Manuskript wird, desto stärker scheint die Erinnerung an
die Frau zurückzukehren, deren Stimme sie gestohlen hat. Fast wirkt Athena wie ein Geist – nur dass es eigentlich Junes eigenes
Gewissen ist, das sie verfolgt!
Für mich ist „Yellowface“ deshalb weit mehr als ein Roman über einen gestohlenen Text, denn es geht um Neid, Ehrgeiz und
Selbsttäuschung, aber auch um die Frage, wem eine Geschichte gehört und welche Verantwortung damit verbunden ist, sie zu erzählen.
Was mir nach der Lektüre geblieben ist, ist weniger eine eindeutige Antwort als ein Gefühl des Unbehagens … Und genau darin liegt
für mich die Stärke dieses Romans: Rebecca F. Kuang sagt mir nicht, was ich denken soll, sondern bringt mich dazu, meine eigene
Haltung zu hinterfragen.
So ist „Yellowface“ für mich ein scharfer, unterhaltsamer und zugleich beklemmender Roman über Literatur, Macht und die Geschichten,
die wir uns selbst erzählen – ein Buch, das ich allen empfehlen möchte, die sich nicht nur von einer packenden Geschichte mitreißen
lassen, sondern auch bereit sind, hinter die Worte zu blicken und sich von ihnen die eine oder andere unbequeme Frage stellen zu lassen.

Die wilde Buchbranche - 4 Sterne

Athena Liu und Juniper Hayward kennen sich seit dem ersten Semester ihres Studiums, und haben beide davon geträumt, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden. Für Athena ging dieser Traum in Erfüllung, während Junipers Debüt keinerlei Aufsehen erregte. Als Athena in Junipers Gegenwart stirbt, nimmt diese deren neuestes Manuskript mit, überarbeitet es, gibt es als ihr Werk aus, und hat endlich den Erfolg, den sie sich gewünscht hat. Doch Erfolg gebiert auch Neider, wie Juniper eigentlich wissen sollte.

Der Roman wird in Ich-Form komplett aus Junipers Perspektive erzählt. Ich stelle mir vor, dass es gar nicht einfach gewesen sein kann, das zu schreiben. Denn Juniper ist nicht die sympathischste Protagonistin, und sie weiß sich ihre Tat, das Manuskript einer anderen als ihr eigenes auszugeben, gut schönzureden.

Doch der Roman handelt nicht nur davon, denn er nimmt sich die gesamte Buchbranche vor, inklusive der Kritiker:innen. Wie man am Titel schon erkennen kann, steht außerdem die amerikanisch-chinesische Community mit im Fokus, denn Athena Liu war chinesischstämmig, während Juniper weiß ist. Brisanterweise handelt der Roman, den sie nach Athenas Manuskript veröffentlicht von den chinesischen Arbeitern, die im ersten Weltkrieg die Allierten unterstützten, und deren Rassismuserfahrungen. So wird Juniper unter anderem unterstellt, über Erfahrungen mit Rassismus gar nicht authentisch erzählen zu können.

Wie ich schon erwähnte, ist Juniper nicht gerade sympathisch. Trotzdem drückte ich ihr mehr als einmal die Daumen, das hat die Autorin gut hinbekommen, liegt aber womöglich auch daran, dass es auch sonst so gut wie keinen sympathischen Charakter gibt. Sympathien hatte ich am ehesten für Athenas Mutter.

Nachdem mich „Babel“ fasziniert hatte, war ich sehr gespannt auf den nächsten Roman der Autorin. „Yellowface“ ist ganz anders, vor allem gibt es hier keine phantastische Komponente, auch wenn es gegen Ende fast so scheint, als wäre es anders. Aber auch dieser Roman hat mich gefesselt, auf andere Weise zwar, aber ich war mehr als gespannt, wie es sich am Ende auflösen würde. Leider fand ich den Roman gegen Ende zu überzogen, auch wegen dieses möglichen phantastischen Einbezuges, den ich kein bisschen ernst nehmen konnte. Insgesamt fand ich den Roman auch etwas zu langatmig, und das, obwohl er keine 400 Seiten hat. Etwas geraffter hätte er mich sicher mehr überzeugt.

„Yellowface“ ist ganz anders als „Babel“, was ich sehr interessant finde, auch in Bezug auf die weiteren Romane der Autorin. Leider ist er etwas zu langatmig geraten, und erschien mir gegen Ende zu überzogen. Gut gelungen ist der Autorin, mir die eher unsympathische Protagonistin doch auf gewisse Weise nahezubringen, so dass ich öfter mit ihr mitfühlen konnte. Ich vergebe 3,5 Sterne, die ich, wo nötig, aufrunde.
von PMelittaM - 2025-12-17 22:41:00

Yellowface - 5 Sterne

Endlich als Taschenbuch erhältlich!

June Hayward, eine junge und nicht mal im Ansatz erfolgreiche Schriftstellerin, ist live vor Ort, als ihre ehemalige Kommilitonin Athena Liu bei einem ebenso grotesken wie tragischen Unfall um Leben kommt. Zwar verständigt June den Notarzt, aber trotz der ganzen Dramatik ist sie geistesgegenwärtig und skrupellos genug, das fertige Manuskript von Athenas letztem, bisher unveröffentlichten Roman einzusacken.

Und dann läuft die Maschinerie an: Nach einiger Überarbeitung und Ergänzung wird „Die letzte Front“ unter dem Namen „Juniper Song“ veröffentlicht – Song soll natürlich vermuten lassen, dass es sich hierbei um eine Autorin mit asiatischen Wurzeln handelt, weil das gut zum Thema des Romans passt, in Wirklichkeit aber ist Song einfach nur Junes zweiter Vorname.

Gerade für uns aus der Buchbranche ist es natürlich großartig und erheiternd zu lesen, wie ganz gezielt ein Buch noch vor seiner Veröffentlichung zu einem Bestseller gepusht wird; was dafür getan wird, nämlich ALLES, ein Buch zum „Buch der Saison“ zu machen, und wie der Buchkäufer später kaum umhinkommt, eben dieses Buch zu erwerben.
„Der Literaturbetrieb sucht sich einen Gewinner oder eine Gewinnerin aus… es ist so verdammt willkürlich. Oder vielleicht nicht willkürlich, aber es hängt von Faktoren ab, die nichts mit der Qualität des eigenen Schreibens zu tun haben.“

Für June erfüllt sich ein Traum, endlich ist sie die gefeierte Bestseller-Autorin, die sie immer sein wollte, endlich wird sie wahrgenommen, und jetzt versteht sie auch, dass die Mühen einer Autorin gar nichts mit dem Erfolg eines Buches zu tun haben. „Bestseller werden auserkoren. Es ist egal, was du tust. Du kannst die Reise einfach genießen.“
Doch kann sie das wirklich? Kann sie wirklich mit der Lüge leben und mit der Tatsache, dass IHR Buch ja gar nicht wirklich ihr Buch ist?
Ja, June kann das perfekt, denn es wäre ja viel zu leicht, sie eine Diebin, eine Plagiatorin zu nennen. Ein Plagiat ist schließlich nur der einfache Weg, wenn man selber nicht imstande ist, die richtigen Worte zu Papier zu bringen. Aber June hat es sich ja nicht einfach gemacht, sie hat richtig viel Arbeit in Athenas Manuskript gesteckt, das ja unmöglich in seinem schäbigen Urzustand gedruckt werden konnte.

Es ist schon fast gruselig zu lesen, wie June – die mir von Kapitel zu Kapitel immer noch unsympathischer wurde – diese monumentale Lüge lebt, wie sie sich einredet, dass „Die letzte Front“ eine noch nie dagewesene „Zusammenarbeit“ ist (von der natürlich einzig und allein sie weiß), und dass Athena es ja vielleicht sogar so gewollt hätte.
Wie sie die Tatsache verdreht, dass sie Athena eigentlich immer unerträglich gefunden hat, weil sie im Vergleich mit ihr immer den Kürzeren gezogen hat, aber jetzt im Nachhinein ihre Beziehung aufbauscht und große Trauer über den Verlust der geliebten Freundin vortäuscht – das ist schon richtig fies.
„Am Ende geht es nur darum, die eigenen Interessen durchzudrücken. Das Narrativ zu manipulieren; die Oberhand zu gewinnen. Wenn im Literaturbetrieb schon mit gezinkten Karten gespielt wird, kannst du wenigstens dafür sorgen, dass das Blatt zu deinen Gunsten ausgeteilt wird… So überlebt man in dieser Branche.“
Das mag ernüchternd klingen, aber bei aller Desillusionierung ist „Yellowface“ vor allem erstklassige bitterböse Unterhaltung.