Hier nun der zweite Band in der Neuauflage der Rebus Romane im Kampa Verlag: Nachdem im ersten Band die Charaktere mehr oder weniger eingeführt wurden, legt Ian Rankin nun so richtig los. Die Protagonist*innen werden ab jetzt dem Feinschliff unterzogen, die Dialoge sprühen vor Witz, die Konturen werden geschärft, und der Plot wird komplexer. Diesmal haben wir es mit einem Mord im Drogenmilieu zu tun, und Rebus lässt nicht locker, bis er in die tiefsten Untiefen der Edinburgher Oberschicht vorgedrungen ist, um dann resigniert zu erkennen, dass in diesem Fall wohl nicht die Gerechtigkeit siegen wird. Ian Rankin läuft hier bereits zu Topform auf und fesselt mit toller Personenzeichnung und gesellschaftskritischen Akzenten!
Buchtipps von Florian Lechner
Florian stürzt sich als leidenschaftlicher Leser in die Lektüre aller Formen von Unterhaltungsliteratur - vom Historischen Roman über den Krimi bis hin zum Thriller. Er berät sie gerne in allen Fragen rund um aktuelle Neuerscheinungen, aber auch Klassiker des Unterhaltungsgenres.
Schön, dass es gleich drei Debuts auf die Shortlist des diesjährigen Booker Prize geschafft haben. Beginnen wir also mit Rebecca Perry und ihrem außergewöhnlichen historischen Roman "May we feed the King". Eine für ihre Detailverliebtheit bekannte Set Designerin wird anlässlich des 750 Jahr Jubiläums eines Schlosses eingeladen, die Räume nach ihren Vorstellungen für die Besucher*innen erfahrbar zu gestalten. Sie lässt das Haus auf sich wirken und muss sich nun für einen der Könige entscheiden, die hier residiert haben. Schließlich fällt ihre Wahl auf einen, der eigentlich nie König werden wollte, und über den nur eine klägliche Seite im Archiv zu finden ist. Intuitiv nähert sie sich an, und schwupps sind die Leser*innen in der Renaissance gelandet. Aus Überlieferung, Gerüchten und Fantasien entsteht ein faszinierendes Mosaik des Hoflebens, das dem jungen König wider Willen so gar nicht entspricht. Und so entzieht er sich, und schwupps sind wir wieder in der Gegenwart gelandet, wo die Künstlerin ihr Publikum nun befragt, wie wir zu einem möglichst genauen Geschichtsbild kommen können. Ein facettenreiches Buch, das auf jeden Fall preiswürdig ist!
1960er Jahre, ein Dorf in England. Doktor Parry ist mit seiner Frau aufs Land gezogen, um der anspruchsvollen Familie in der Stadt zu entfliehen. Auf seinen Hausbesuchen kommt er einer Patientin etwas zu nahe, während seine schwangere Frau sich zuhause langweilt und sich mit den Vorbereitungen für eine Weihnachtsparty beschäftigt. Auf dem benachbarten Bauernhof leben zwei weitere Stadtflüchtlinge - Simmons will sich als Farmer etablieren und wälzt große Umstrukturierungspläne, während seine schwangere Frau, die eine schillernde Nachtclubvergangenheit hat, versucht, sich ans Landleben zu gewöhnen. Die beiden werdenden Mütter treffen aufeinander und freunden sich trotz aller Unterschiede an. Als dann ein gewaltiger Schneesturm übers Land fegt, brechen die mühsam aufgebauten Strukturen auseinander, und die Protagonist*innen sehen sich plötzlich mit existentiellen Fragen konfrontiert. Andrew Millers Roman zeichnet sich durch schlichte Eleganz aus und landete vollkommen zu Recht auf der Shortlist des Booker Prize 2025 (wäre eigentlich mein Favorit gewesen!) - eines meiner Bücher des Jahres 2025!
Ich bin sehr glücklich, dass der Kampa Verlag nun die ersten Rebus Romane von Ian Rankin neu auflegt, da mich das Rebus Fieber erst in der Mitte der Serie voll erwischt hat. Hier nun also der erste Fall, in dem eine Mordserie an jungen Mädchen die schottische Hauptstadt erschüttert. Rebus erhält vor jedem Mord kryptische Mitteilungen, mit denen er zunächst nichts anzufangen weiß, bis ihn sein Bruder Michael mittels Hypnose in seine Zeit bei einer Elite-Einheit der britischen Armee zurückversetzt. Ab da nimmt die Geschichte Fahrt auf, um in einer dramatischen Schlusssequenz zu enden. Wir erfahren viel über die Vergangenheit des Ermittlers, was für die weiteren Bände von Vorteil ist, da immer wieder darauf Bezug genommen wird. Ein klassischer erster Fall, den ich allen Einsteiger*innen ins Rebus - Universum ans Herz legen möchte (und natürlich auch allen Späteinsteiger*innen, die wie ich die ersten Folgen verpasst haben)!
Der diesjährige International Booker Prize ging zu gleichen Teilen an die Schriftstellerin Yang Shuang-Zi und die Übersetzerin Lin King. Ein würdigeres Buch hätte man auf der Shortlist nicht finden können, geht es doch in diesem Roman um eine japanische Schriftstellerin, die in den 1930er Jahren ins von Japan besetzte Taiwan reist, und ihre lokale Übersetzerin. Gemeinsam erkunden sie nicht nur Küche und Kultur der Insel, sondern auch die Art ihrer Beziehung. Besonderes Augenmerk liegt einerseits auf den Eigenheiten der Küche (die Schriftstellerin im Buch ist ein wissbegieriger Gourmet) und der Sprache Taiwans, andererseits auf der Überheblichkeit der Kolonialherren und ihrem Umgang mit den Bewohnern der Insel. Somit legt Yang Shuang-Zi eine kolonialkritische Geschichte im Gewand eines queeren Liebesromans vor - ein ungewöhnlicher Genuss!
Miles und Kate ziehen mit ihren beiden Kindern von Kalifornien ins ländliche Vermont, wo Kate eine Gastprofessur an der dortigen Uni antritt. Für Miles sollte die ländliche Abgeschiedenheit Inspirationen liefern, um seine vor zehn Jahren begonnene Doktorarbeit über russische Volksmärchen zu beenden. Während Kate und die Kinder schnell Anschluss finden, ist es für den introvertierten und verträumten Miles weitaus schwieriger, soziale Kontakte zu knüpfen. Schließlich lernt er doch einige verschrobene Menschen kennen, die sich auf der Suche nach einem Portal zu einem unterirdischen Paralleluniversum befinden. Die skurrilen Begebenheiten häufen sich und kulminieren schließlich in einer Suchaktion nach der verschwundenen Tochter Olive. Mit viel Liebe und Witz porträtiert Daniel Mason in seinem neuen Roman eine eingeschworene Gemeinschaft mit all ihren Eigenheiten. Ein absolutes Lieblingsbuch des heurigen Jahres!
Miles und Kate ziehen mit ihren beiden Kindern von Kalifornien ins ländliche Vermont, wo Kate eine Gastprofessur an der dortigen Uni antritt. Für Miles sollte die ländliche Abgeschiedenheit Inspirationen liefern, um seine vor zehn Jahren begonnene Doktorarbeit über russische Volksmärchen zu beenden. Während Kate und die Kinder schnell Anschluss finden, ist es für den introvertierten und verträumten Miles weitaus schwieriger, soziale Kontakte zu knüpfen. Schließlich lernt er doch einige verschrobene Menschen kennen, die sich auf der Suche nach einem Portal zu einem unterirdischen Paralleluniversum befinden. Die skurrilen Begebenheiten häufen sich und kulminieren schließlich in einer Suchaktion nach der verschwundenen Tochter Olive. Mit viel Liebe und Witz porträtiert Daniel Mason in seinem neuen Roman eine eingeschworene Gemeinschaft mit all ihren Eigenheiten. Ein absolutes Lieblingsbuch des heurigen Jahres!
Die Schriftstellerin Elli Hajek macht gerade eine schwierige Phase durch, weder privat noch beruflich laufen die Dinge nach Wunsch. Sie zieht sich in eine Hütte im Wald zurück, um wieder Fuß zu fassen und an ihrem Buch zu arbeiten, das sich mit Viktorka, einer Nebenfigur in Bozena Nemcovas Roman "Babicka", beschäftigt. Viktorka wurde des Kindsmordes bezichtigt und ausgestoßen, weshalb sie sich in die böhmischen Wälder zurückzog. Elli fährt in ihre ursprüngliche Heimat Tschechien und begibt sich auf Spurensuche. In ihrem neuen Roman verwebt Jarka Kubsova die Geschichte einer modernen jungen Frau mit den Lebensgeschichten der tschechischen Nationaldichterin Bozena Nemcova (bei uns vor allem durch "Drei Haselnüsse für Aschenputtel" bekannt) und ihrer Romanfigur Viktorka. Sie beschwört mit ihren Naturschilderungen oft magische Stimmungen herauf, die einen in die Atmosphäre eines tschechischen Märchens versetzen, doch werden auch die moderne Gegenwart und die graue Zeit des Sozialismus plastisch dargestellt. Ein wunderschönes Buch über weibliche Schicksale, die sich trotz zeitlicher Distanz frappierend ähneln.
Muthesius, einer der wichtigsten Theaterregisseure und Intendanten Deutschlands, ist tot. Diese Nachricht weckt bei seinem Sohn, künstlerischen Wegbegleiter*innen, Konkurrent*innen und Theatermitarbeiter*innen unterschiedlichste Erinnerungen an diesen schwierigen Mann, der mit seiner schroffen Art naturgemäß nicht nur Freunde hatte. Der Sohn hatte stets mit der Lieblosigkeit des Vaters zu kämpfen, die häufig wechselnden Geliebten waren entweder verfeindet oder wussten nichts voneinander, und die Künstler*innen wurden teils erniedrigt, teils hofiert. Jede dieser Personen erhält ihre eigene Stimme für Erinnerungen, Assoziationen und Gedankenspiele. Alain Claude Sulzer baut seinen Roman als klassisches Drama in drei Akten mit Prolog, Dramaturgie und Personenführung sind fulminant, die Sprache ist von eleganter Klarheit, und es sind ausreichend Fallstricke und Wendungen eingebaut, um das theaterbegeisterte Publikum zu fesseln - eine echte Empfehlung!
Sol stammt aus der gehobenen Mittelschicht Madrids. Sie liebt das Putzen über alles, und so hat sie in ihrem Job als Assistentin eines berühmten Künstlers nicht nur für einen reibungslosen Ablauf bei Vernissagen und Ausstellungen im Ausland gesorgt, sondern auch für absolute Sauberkeit in Atelier und Wohnung. Als sie ihren Job verliert und schwanger wird, putzt sie zunächst bei sich zuhause, doch ihr Mann besteht darauf, dass eine Reinigungskraft engagiert wird. Schon bald übernimmt eine Latina das Ruder, die dafür sorgt, dass auch ihre Tochter mithelfen darf. Sol hat nun genügend Zeit, um mit anderen Oberschichtsmüttern Cava zu trinken und über die Putzfrauen herzuziehen. Bald schon wird ihr das zu eintönig, und sie fasst einen ungewöhnlichen Entschluss.... Mit viel Witz und beißender Ironie porträtiert die junge spanische Autorin Maria Agundez die Verlogenheit der sogenannten besseren Kreise und liefert ein gelungenes Pointenfeuerwerk - Lesespaß garantiert!
Was passiert, wenn man vor dem Regal mit den Dosenpfirsichen plötzlich seinem älteren Selbst gegenübersteht? Genau das passiert unserem jungen Popom, den es förmlich elektrisiert, als er in einem deutlich älteren Kunden sich selbst zu entdecken glaubt. Wer ist dieser fremde und doch so vertraute Mensch? Fieberhaft macht er sich auf die Suche, und schließlich findet er ihn und nimmt Kontakt auf. Er ist so fixiert, alles über sein alter ego herauszufinden, dass er ganz vergisst, im hier und jetzt zu leben. Mit Hilfe einer Freundin schafft er es schließlich, sich zu lösen, doch am Ende macht er noch eine Entdeckung, die alle seine Gewissheiten ins Wanken bringt. Johanna Sebauer legt mit "Popom" einen famosen Roman über festgefahrene Beziehungen und Gewohnheiten vor, die nach und nach zerbröseln, wenn man einen Spiegel aus der Zukunft vorgehalten bekommt - eine Geschichte voller Witz und Tiefgang!
"Haus ich verkaufe dich" - so beginnt Eva Menasses neuester Roman. Das Haus steckt voller Erinnerungen, von der Erfüllung des Traums vom Eigenheim in Alleinruhelage im Grünen über eine gescheiterte Ehe, die Probleme mit der pubertierenden Tochter, eine postnatale Depression und eine weitere Beziehung, die in die Brüche ging - dieses Haus soll nun also verkauft werden. Dabei hat alles so schön begonnen. Ein ehemaliges Gasthaus am See in Vorpommern zum Schnäppchenpreis - die Gelegenheit nach der Wende zu einem Häuschen im Grünen zu kommen. Raus aus der Großstadt, rein in die Pampa. Doch wie so oft trügt auch hier der Schein: Das Haus entspricht nicht den westlichen Standards, die Renovierung ist mühsam wegen unterschiedlicher Normen, und die Bürokratie im neuen Staat ist überbordend. Der See kippt, die Bewohner der zu Wohnhäusern umgebauten Kleingartensiedlung, an deren Rand das Gasthaus steht, sind abweisend bis feindselig, nur ein ehemaliger DDR-Funktionär kümmert sich um die Neuankömmlinge, doch ist er gewohnt zu kommandieren. Die Fundamente des Hauses stammen von einem Casino aus der Nazizeit, in der Umgebung wurden in der DDR Mitglieder der RAF versteckt, und heute ist der Wald geeignetes Gelände für Neonazitreffen. All dies erfahren wir im Verlauf des Buches, das durchaus auch komische Facetten zu bieten hat, etwa die Szenen, die von den polnischen Bauarbeiter*innen dominiert werden. Auch die Erinnerungen an den jüdischen Vater der Ich-Erzählerin und dessen Freund Walter, der ein echter Strizzi ist, lassen einen immer wieder schmunzeln. Eva Menasse überlässt ihre Protagonistin dem Strom ihrer Erinnerungen und Gedanken, die mit großer Formulierungskunst in Form gegossen werden. So entsteht ein komprimiertes Panorama aus Geschichte, Politik und persönlichen Erinnerungen - absolute Leseempfehlung!