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Miles und Kate ziehen mit ihren beiden Kindern von Kalifornien ins ländliche Vermont, wo Kate eine Gastprofessur an der dortigen Uni antritt. Für Miles sollte die ländliche Abgeschiedenheit Inspirationen liefern, um seine vor zehn Jahren begonnene Doktorarbeit über russische Volksmärchen zu beenden. Während Kate und die Kinder schnell Anschluss finden, ist es für den introvertierten und verträumten Miles weitaus schwieriger, soziale Kontakte zu knüpfen. Schließlich lernt er doch einige verschrobene Menschen kennen, die sich auf der Suche nach einem Portal zu einem unterirdischen Paralleluniversum befinden. Die skurrilen Begebenheiten häufen sich und kulminieren schließlich in einer Suchaktion nach der verschwundenen Tochter Olive. Mit viel Liebe und Witz porträtiert Daniel Mason in seinem neuen Roman eine eingeschworene Gemeinschaft mit all ihren Eigenheiten. Ein absolutes Lieblingsbuch des heurigen Jahres!
Miles und Kate ziehen mit ihren beiden Kindern von Kalifornien ins ländliche Vermont, wo Kate eine Gastprofessur an der dortigen Uni antritt. Für Miles sollte die ländliche Abgeschiedenheit Inspirationen liefern, um seine vor zehn Jahren begonnene Doktorarbeit über russische Volksmärchen zu beenden. Während Kate und die Kinder schnell Anschluss finden, ist es für den introvertierten und verträumten Miles weitaus schwieriger, soziale Kontakte zu knüpfen. Schließlich lernt er doch einige verschrobene Menschen kennen, die sich auf der Suche nach einem Portal zu einem unterirdischen Paralleluniversum befinden. Die skurrilen Begebenheiten häufen sich und kulminieren schließlich in einer Suchaktion nach der verschwundenen Tochter Olive. Mit viel Liebe und Witz porträtiert Daniel Mason in seinem neuen Roman eine eingeschworene Gemeinschaft mit all ihren Eigenheiten. Ein absolutes Lieblingsbuch des heurigen Jahres!
„Todesursache. Lebenserwartung. Es ist eigentlich ganz einfach.“ Die Ausgangslage ist schräg und auch ein bisschen spooky. Was würden Sie dazu sagen, wenn während eines nicht mal zweistündigen Fluges plötzlich eine elegante und dabei doch unauffällige ältere Dame von Sitzreihe zu Sitzreihe spaziert und jedem Fluggast, also auch Ihnen, sowohl die ihn betreffende Todesursache wie auch den Todeszeitpunkt mitteilen würde? Man könnte sich, so wie einige Fluggäste in der Geschichte, fragen, ob diese Dame irgendwie esoterisch angehaucht oder ein Medium ist und von dem Hellseher- und Wahrsagerkongress in Hobart kommt; wahrscheinlich aber würde man das ganze als Humbug und völligen Schwachsinn abtun… und ganz, ganz, ganz vielleicht würde bei so manchem ein klitzekleiner Stachel steckenbleiben und die diffuse Angst: Was wäre, wenn? Was, wenn „die Todesdame“ recht hat? Diejenigen Passagiere, deren Geschichte und deren Leben wir nun weiterverfolgen, tendieren eigentlich alle zu der „totaler Blödsinn“-Einstellung, aber als nach kurzer Zeit einige der Prognosen der geheimnisvollen alten Dame eintreffen, ändert sich so manches. „Vorsehung“ hat mich ein kleines bisschen an den Roman „Die Vorhersage“ von Nikki Erlick erinnert, der mir auch sehr gut gefallen hat, aber Liane Moriartys Geschichte ist noch viel, viel besser. Ich liebe es einfach, wie detailliert sie ihre Hauptfiguren zeichnet, so dass sie einem bald wie gute, alte Bekannte vorkommen, und ihr besonderer Schreibstil mit all seinen Pointen ist sowieso immer grandios. Und wenn dann zum Schluss hin immer mehr Puzzleteilchen an den richtigen Platz fallen und das Gesamtbild immer schlüssiger und immer perfekter wird, dann ist das einfach nur schön. Mich hat das sogar ein-, zweimal ein paar Tränen der Freude und der Rührung vergießen lassen.
Es gibt einen Moment beim Lesen dieses Buches, in dem ich aufgehört habe, mich zu fragen, was Ana Magdalena Bach eigentlich vorhat … Stattdessen fragte ich mich, was mit dem Mann passiert ist, der diese Frau erfunden hat? Ana Magdalena fährt jeden August auf eine karibische Insel, um Gladiolen auf das Grab ihrer Mutter zu legen; ein Ritual, schlicht und ein wenig melancholisch. Dann aber geschieht etwas, das zunächst fast nebensächlich wirkt: Sie nimmt einen fremden Mann mit auf ihr Hotelzimmer! Und: Im Jahr darauf tut sie es wieder … Und wieder … Aus dem kleinen Ausbruch wird eine Gewohnheit, aus der Gewohnheit eine zweite Existenz. Ich mochte diese Ausgangsidee sofort – vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht nach großer Befreiung aussieht, denn Ana Magdalena wird nicht plötzlich ein anderer Mensch, sondern entdeckt vielmehr eine Seite ihres eigenen Lebens, die offenbar die ganze Zeit unter der Oberfläche gelegen hat. Und das hat etwas Verstörendes – und etwas sehr Schönes! Doch während ich las, begann sich ein anderes Gefühl einzuschleichen, denn immer wieder stieß ich auf Sätze, bei denen ich dachte: Ja, da ist er wieder, der García Márquez, den ich kenne! „Wir sehen uns im August“ ist ein Text, dessen Unfertigkeit selbst zur Lektüre gehört: García Márquez schrieb ihn nämlich in einer Zeit, in der seine Demenz seine Fähigkeit zu schreiben immer stärker beeinträchtigte. Er selbst hielt das Manuskript für nicht gelungen und wollte, dass es vernichtet wird, doch seine Söhne entschieden sich zehn Jahre nach seinem Tod dagegen und ließen es veröffentlichen. Seitdem steht dieses schmale Buch ein wenig zwischen zwei Gräbern: auf der einen Seite das Grab von Ana Magdalenas Mutter, zu dem sie jedes Jahr zurückkehrt, auf der anderen das Grab des Schriftstellers, von dem hier noch einmal eine Stimme zu hören ist. Dabei blitzt der alte García Márquez immer wieder auf in den karibischen Landschaften, in der Hitze, im Meer, in der Musik. Manche Bilder sind von jener eigentümlichen Leichtigkeit, die seine Prosa so unverwechselbar macht; auch Ana Magdalena ist eine interessante Figur, denn sie ist eine Frau, die in einem scheinbar geglückten Leben plötzlich merkt, dass Glück und Gewohnheit nicht dasselbe sind. Und gerade deshalb ist der Schluss so verstörend, da Ana Magdalena zu begreifen glaubt, warum ihre Mutter auf der Insel begraben werden wollte; so lässt sie den Leichnam exhumieren und bringt ihn ihrem Mann nach Hause – und dann endet die Geschichte … Ein absurdes, rätselhaftes Ende – und zugleich eines, das man dem García Márquez dieser letzten Seiten durchaus zutraut. Denn dieses Buch schenkt einem noch einmal etwas von einem großen Erzähler – und zwingt einen zugleich dabei zuzusehen, wie dieser Erzähler seine Möglichkeiten verliert … Wer García Márquez also noch nicht kennt, sollte hier nicht beginnen, denn sein berühmter Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ ist der bessere Eingang in seine Welt. Wer ihn aber bereits liebt, wird „Wir sehen uns im August“ vielleicht trotz seiner Brüche lesen wollen! Ich jedenfalls bin froh, es gelesen zu haben – und zwar nicht, weil ich darin ein verborgenes Meisterwerk gefunden hätte, sondern weil dieses kleine Buch etwas Seltenes zeigt: nicht nur, was Literatur vermag, sondern auch, wie verletzlich deren Entstehung ist …
Der titelgebende Jay „Gatsby“ gibt Partys, zu denen niemand eingeladen werden muss, denn an den Wochenenden strömen Menschen in seine Villa, trinken Champagner, tanzen, lachen, verschwinden wieder – doch kaum jemand weiß, wer Gatsby eigentlich ist … Vielleicht ist genau das der Punkt: Er hat sich eine Welt geschaffen, in der sein Name genügt. Nur einer fehlt auf all diesen Festen – Daisy Buchanan, die Frau, für die er diesen ganzen Aufwand betreibt! F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“, 1925 erschienen und inzwischen hundert Jahre alt, beginnt wie ein glänzendes Gesellschaftsstück und entwickelt sich langsam zu einer Geschichte über Verlust, Selbsttäuschung und die eigentümliche Macht vergangener Wünsche. Die neue Übersetzung von Bernhard Robben macht dabei deutlich, wie wenig Staub auf diesem schmalen Roman liegt und wie aktuell der Roman heute noch ist! Erzählt wird die Geschichte von Nick Carraway, einem jungen Broker, der nach Long Island zieht und dort in die Welt der Reichen gerät. Sein Nachbar Gatsby ist ein Mann, über den Gerüchte kursieren und dessen Vermögen ebenso undurchsichtig ist wie seine Herkunft. Und Nick entdeckt bald, dass hinter den rauschenden Festen ein einziger Wunsch steht: Gatsby will Daisy zurück … Daisy war seine große Liebe, bevor Geld und gesellschaftliche Stellung sie voneinander trennten; so hat Gatsby seither alles darangesetzt, die Distanz zwischen ihnen zu überwinden. Aus James Gatz, dem jungen Mann bescheidener Herkunft, wurde Jay Gatsby, eine sorgfältig inszenierte Figur des Erfolgs. Danei ist sein Vermögen Mittel zum Zweck: Es soll die Vergangenheit zurückholen! Gerade diese Vorstellung macht Gatsby für mich so faszinierend, denn er will nicht einfach eine Frau gewinnen, sondern einen früheren Augenblick seines Lebens wiederherstellen – als hätte sich die Zeit nur lange genug gegen ihn verschworen. Er glaubt, dass sich Vergangenheit korrigieren lässt, wenn man nur entschlossen genug ist. Sein Reichtum, sein Haus, seine Partys: Alles richtet sich auf einen Punkt, der längst hinter ihm liegt … F. Scott Fitzgerald erzählt davon mit einer bemerkenswerten Ökonomie; so entsteht auf kaum zweihundert Seiten eine ganze Gesellschaft: eine Welt aus altem und neuem Geld, aus Privilegien, Aufstiegshoffnungen und sozialer Kälte. Der Glanz der Zwanzigerjahre ist dabei nie nur Kulisse, sondern gehört zum Thema, denn Geld verspricht Freiheit, Schönheit und Zugang – und erweist sich doch als Grenze. So kann sich Gatsby zwar alles kaufen, außer Zugehörigkeit und Zeit. Besonders stark ist für mich die Figur des Erzählers Nick Carraway, der Beobachter bleibt und gerade dadurch zum moralischen Zentrum des Romans wird. Er bewundert Gatsby, obwohl er seine Illusionen durchschaut. Und vielleicht liegt darin auch die eigentliche Zärtlichkeit des Buches: Nick macht sich nicht über einen Mann lustig, der an etwas Unmögliches glaubt, sondern erkennt vielmehr, dass gerade diese Fähigkeit, an einem Wunsch festzuhalten, Gatsby zugleich groß und verloren macht … Auch Daisy bleibt widersprüchlich, denn sie ist nicht die ideale Geliebte, die Gatsby in ihr sehen möchte, sondern eine Frau, die sich für Sicherheit entschieden hat: Ihre Stimme, ihre Herkunft, ihr ganzes Auftreten sind eng mit Geld verbunden. – Und doch verurteilt Fitzgerald sie nicht eindeutig; vielmehr zeigt er, wie schwer es ist, sich innerhalb einer Gesellschaft gegen ihre Regeln zu stellen, wenn man von ihnen profitiert. Am Ende ist die Party vorbei – und was bleibt, ist Stille! Der Reichtum, der Glamour, die sorgfältig aufgebaute Identität – alles verliert plötzlich seine Bedeutung … Gatsby steht dann nicht mehr für Erfolg, sondern für die Hartnäckigkeit eines Menschen, der einen Traum so lange verfolgt, bis er die Wirklichkeit nicht mehr von seiner Vorstellung unterscheiden kann. Die von Bernhard Robben neu übersetzte und im Manesse Verlag erschienene Jubiläumsausgabe ergänzt Fitzgeralds Roman um Briefe, zeitgenössische Rezensionen, eine Zeittafel und ein Nachwort von Claudius Seidl. Doch auch ohne all diese Begleittexte bleibt der Roman erstaunlich unmittelbar und von beeindruckender Aktualität. Was dann nach der Lektüre zurückbleibt, ist weniger das Bild einer vergangenen Epoche als eine Frage, die unangenehm nah kommt: Wie viel von unserem Leben richten wir auf Dinge aus, die längst nicht mehr existieren? Gatsby kennt darauf keine andere Antwort als weiterzugehen … Vielleicht liegt gerade darin seine Größe – und sein Untergang.
„Im Nachhinein konnte Jenny Kaplan den Moment, in dem die Black Swan Farm ihr Leben übernahm, nicht mehr genau bestimmen. Nimmt das Leben seinen Lauf mit einem SCHNAPP!, sobald der Hase in der Schlinge hängt? Beginnt es, wenn der Hase den Köder erstmals erblickt? Oder fängt es noch viel früher an, nämlich bei dem Grund, warum der Hase überhaupt von der Falle angelockt wird?“ Wuuaah, ich bin total geplättet von diesem Buch! Da mir „Yesteryear“ von Caro Claire Burke ja so gut gefallen hat, war klar: Ich muss auch den Tradwife-Roman von Sarah Langan unbedingt lesen. Zunächst sind durchaus Parallelen zu erkennen – im ersten Drittel wird das angeblich so harmonische, gottesfürchtige und überperfekte Leben der beliebten Influencerin Mia Wright beschrieben und die Versuche der pfiffigen Journalistin Jenny Kaplan, die Unstimmigkeiten und Unwahrheiten dieser ach so heilen Welt aufzudecken. Dafür hat sie für eine Woche auf der idyllischen Black Swan Farm eingecheckt und soll am letzten Tag – so nach dem Motto „Freaky Friday“ – für vierundzwanzig Stunden Mias Rolle übernehmen. Wenn man dann aber weiß, dass die Autorin Sarah Langan Mitbegründerin des Shirley-Jackson-Awards ist, dann ist man nicht überrascht, dass sich zu all den Ungereimtheiten in Mias Alltag so nach und nach, zuerst langsam und fast unmerklich immer mehr Horrorelemente einschleichen. Was hat es mit Jennys seltsamen Träumen auf sich? Woran liegt es, dass Mias Kinder und ihr Ehemann so manches Mal in eine Art Schockstarre zu verfallen scheinen? Und was sind das für eigenartige Muster auf den Tapeten im Haus, die manchmal, gleich Hieroglyphen, Worte wie „Du“, „bist“ oder „mein“ zu bilden scheinen? Ich möchte an dieser Stelle gar nicht mehr verraten, denn jedes Wort zu viel könnte die Spannung, die sich beim Lesen immer stärker aufbaut, ruinieren. Eigentlich sind die anfangs zitierten Sätze schon zu viel des Guten. Ein bisschen „Rosemarys Baby“, ein bisschen „Shining“ – ein wirklich fesselndes Buch! -___________________________
Welch eine Freude: Endlich kann ich mein Julia Donaldson/Axel Scheffler Regalfach um einen weiteren Titel ergänzen! Seit 1999 begeistert der Grüffelo die Kinder dieser Welt und ihre vorlesenden Eltern. Ein paar Jahre später gab es eine Fortsetzung, in der sich alles um das Grüffelo-Kind dreht und jetzt – endlich, ENDLICH! – ist nach fast zwanzig Jahren ein drittes Buch rund um unsere liebsten Waldbewohner erschienen. In „Die Grüffelo-Oma“ erfahren wir nicht nur, dass das Grüffelo-Kind ein Töchterchen ist (wirklich?! Für mich war das Kind… ja nun, einfach immer das Kind, aber egal), wir treffen auch allerlei anderes bekanntes Getier wieder: Allen voran sind natürlich der Fuchs, die Eule und die Schlange wieder mit dabei – und wie könnte es anders sein: die Maus! Und wie immer sind sie alle nicht besonders scharf darauf, im Suppentopf vom Grüffelo zu landen, denn er und sein Kind sind unterwegs im Wald, auf der Suche nach einer kulinarischen Köstlichkeit für den langersehnten Besuch der Grüffelo-Oma. Was für ein Schreck, als es dem Grüffelo gelingt, die kleine Maus zu schnappen – aber keine Sorge! Die ist pfiffig wie immer und weiß genau, wie sie sich aus dieser misslichen Lage befreien kann. Ein wunderbares Bilderbuch für alle kleinen und großen Grüffelo-Fans, gut gereimt und wie immer farbenprächtig und detailverliebt bebildert von einem meiner Lieblings-Illustratoren. Sollte in keinem Kinderzimmer-Regal fehlen.
„Ich stelle mir oft die Frage: Wie muss es sich anfühlen, vollkommen frei zu sein, ein ungebundenes Leben zu führen, ohne für andere Menschen verantwortlich zu sein?“ Die junge Ji-won ist all das nicht. Aufgewachsen in Kalifornien in einer traditionellen, koreanischen Familie ist sie nach der überraschenden Trennung der Eltern, diejenige, die die Familie zusammenhält; sie kümmert sich aufopferungsvoll um ihre jüngere Schwester und die völlig überforderte, hilflose Mutter. Als sich dann eines Tages auch noch George, der neue Freund der Mutter, ein extremer Unsympath – „Ich bin Republikaner, weil wir nicht alle vom Staat leben können.“ – bei ihnen einnistet, beschließt Ji-won: Es reicht! Ihre Mutter mag zu schwach sein und ihre Schwester zu jung, aber sie ist weder das eine noch das andere. George muss weg… und nicht nur er. Langsam und immer bedrohlicher erleben wir mit, wie sich Ji-wons Besessenheit zu einer wahren Obsession steigert. Längere Zeit habe ich gerätselt, ob ich es hier mit einer gefühlskalten Soziopathin zu tun habe oder ob Ji-wons „Anwandlungen“ einer Art Wahn entspringen. Das Ende ist dann so überraschend wie großartig – und sehr, sehr fies! „Das Beste sind die Augen“ ist in diesem Falle wörtlich zu nehmen – wer dieses Buch liest, braucht definitiv einen stabilen Magen!
Sehnsüchtig erwartet und alles erfüllt. Endlich ist das neue Buch von Theresa Baumgärtner da. Auch diesmal stimmen uns die Bilder auf den Herbst und Winter ein, verfeinert mit tollen Rezepten und Anekdoten aus dem Hazelnut House und England. Für gemütliche Stunden zu Hause ist gesorgt.
Es gibt Bücher, bei denen man nach den ersten Seiten ahnt, dass sie einen nicht unberührt lassen werden: „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath war für mich genau so ein Buch, denn ich hatte das Gefühl, Esther Greenwood nicht einfach nur beim Scheitern zuzusehen, sondern gemeinsam mit ihr langsam den Boden unter den Füßen zu verlieren; Seite für Seite wurde die Welt, die anfangs noch voller Möglichkeiten und Verheißungen schien, enger – bis kaum noch Luft zum Atmen blieb. Dabei beginnt alles so verheißungsvoll, als in New York im Juni 1953 Esther nun neunzehn, klug, ehrgeizig und voller Pläne ist. Ein Sommer in der großen Stadt liegt vor ihr, ein Praktikum bei einem Modemagazin, Einladungen, Kleider, Männer, Tanzabende – das Versprechen eines Lebens, das glänzt und nach Zukunft aussieht. – Und doch liegt über all dem Glanz von Anfang an ein feiner Schatten, denn Esther betrachtet diese Welt, als stünde sie bereits ein wenig außerhalb von ihr … Während alle anderen zu wissen scheinen, wie man glücklich ist, verliert sie zunehmend das Gefühl dafür, was Glück für sie überhaupt bedeuten könnte. Besonders eindringlich fand ich das Bild, mit dem Sylvia Plath diesen bevorstehenden Absturz beschreibt: Eine Zukunft, die Esther zunächst wie eine „glänzende sichere Brücke“ erscheint, beginnt plötzlich zu schwanken und löst sich unter ihren Füßen auf; und das ist eines dieser Bilder, die man beim Lesen nicht mehr vergisst. Denn genau das geschieht im weiteren Verlauf des Romans: Die Brücke verschwindet, und Esther stürzt … Was mich an diesem Roman so berührt hat, ist die Schonungslosigkeit, mit der Sylvia Plath diesen Sturz beschreibt, denn sie schreibt nicht von außen über Depression, sondern lässt sie aus Esthers eigener Stimme heraus erfahrbar werden. So wird die Welt langsam fremd, die Zeit verliert ihre Ordnung, selbst die kleinsten Dinge können plötzlich unüberwindbar erscheinen. Die Autorin findet dafür keine großen Erklärungen, sondern Bilder, die sich unmittelbar festsetzen. Man liest sie und versteht für einen Moment etwas, das sich eigentlich kaum erklären lässt … Die titelgebende „Glasglocke“ ist dabei das vielleicht stärkste Bild des Romans, ist Esther doch von der Welt nicht wirklich getrennt – und fühlt sich doch unerreichbar weit von ihr entfernt! Alles ist sichtbar, alles ist zum Greifen nah, und trotzdem kommt nichts mehr zu ihr durch. Genau diese beklemmende Nähe und Ferne zugleich macht das Buch für mich so eindringlich! Doch „Die Glasglocke“ ist weit mehr als ein Roman über Depression, sondern es ist auch ein Buch über Erwartungen, Selbstbestimmung und die Frage, wie frei man wirklich sein kann, wenn einem ständig gesagt wird, wie das eigene Leben auszusehen hat. Esther möchte schreiben, lernen, arbeiten und unabhängig sein; und sie weigert sich, sich auf die Rolle festlegen zu lassen, die für eine junge Frau ihrer Zeit vorgesehen ist: Gerade dieses Ringen um ein selbstbestimmtes Leben macht den Roman zu einem bedeutenden Klassiker der feministischen Literatur. Esther ist dabei keine Heldin im klassischen Sinn, sondern ist widersprüchlich, verletzlich, manchmal bitter und oft hoffnungslos. Gerade deshalb wirkt sie so menschlich, den ihr Zusammenbruch erscheint nicht als plötzliches Ereignis, sondern als ein langsames Abgleiten. Und so wird aus der ehrgeizigen Studentin eine junge Frau, die an ihren eigenen Erwartungen und an denen ihrer Umwelt zu zerbrechen droht … Sylvia Plaths Sprache fasziniert mich besonders durch ihre Verbindung aus Schlichtheit und Bildgewalt, da sie einen Gedanken mit wenigen Worten formulieren und ihn gleichzeitig so aufladen kann, dass er lange nachhallt, während ihre Bilder niemals bloßer Schmuck sind – sie entstehen vielmehr aus Esthers Wahrnehmung und machen ihre innere Welt sichtbar! Und doch ist dieses Buch nicht nur dunkel – und gerade das hat mich am Ende bewegt, denn nach all der Enge, Verzweiflung und Sprachlosigkeit öffnet sich vorsichtig wieder ein Spalt; nein, keine einfache Erlösung, kein Versprechen, dass von nun an alles gut sein wird – sondern die Möglichkeit, wieder hinauszutreten … „Die Glasglocke“ ist für mich deshalb ein Roman über den Abgrund, aber ebenso über die Möglichkeit, von dort zurückzukehren. Und es ist ein Buch über eine junge Frau, die sich selbst verliert und langsam wiederzufinden beginnt … Ein schmerzhaftes, kluges und wunderschönes Buch, das einen nach der letzten Seite noch lange nicht loslässt. Und vielleicht liegt genau darin seine zeitlose Kraft: Sylvia Plath schreibt über die Dunkelheit, ohne den Blick für das Licht ganz zu verlieren. Wer wollte dabei nicht an den berühmten Vers aus Georg Trakls Gedicht „Verklärter Herbst“ denken: „Gewaltig endet so das Jahr / Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten; / Rund schweigen Wälder wunderbar / Und sind des Einsamen Gefährten.“ Ein wunderbares Kleinod für die herbstlichen Dämmerstunden!
Adrian Reiter ist keine Figur, die man sofort ins Herz schließt, – und doch ist er mir beim Lesen immer nähergekommen; vielleicht gerade deshalb? Denn er besitzt nichts von der Klarheit eines Helden, nichts von der beruhigenden Eindeutigkeit eines Menschen, der stets weiß, was richtig ist, sondern er hinkt durch sein Jahrhundert, ein wenig schief, ein wenig abseits, und sieht den anderen beim Leben zu: beim Aufbrechen, beim Scheitern, beim Sterben. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Adrian gerade deshalb so wirklich wirkt, weil er uns nicht erlaubt, uns selbst allzu schnell für die Besseren zu halten … Sein Leben beginnt mit einem Axthieb, denn im Jahre 1917, als der Erste Weltkrieg tobt, schlägt sein Vater ihm das Bein entzwei, damit der Sohn nicht an die Front muss! Eine grausame Rettung, ein Glück mit einer Narbe … und Adrian kommt davon, aber vielleicht kommt man von einem Krieg, dem man entgeht, nicht wirklich davon? Von da an begegnet Adrian immer wieder jenen, die nicht davongekommen sind: jungen Männern mit zerstörten Gesichtern, verstümmelten Körpern und Erinnerungen, die sich nicht abschütteln lassen; er beobachtet sie, sammelt ihre Geschichten und verfolgt ihre Schicksale beinahe mit buchhalterischer Genauigkeit. Und während andere mit Orden oder Wunden aus dem Krieg heimkehren, trägt Adrian nur sein hinkendes Bein – und doch wird der Krieg zu seiner lebenslangen Obsession. Darin liegt für mich die verstörende Kraft von Norbert Gstreins „Im ersten Licht“, denn der Roman erzählt den Krieg nicht aus der Perspektive des Kämpfers, sondern aus jener des Menschen, der danebensteht … Und dieses Danebenstehen wird mit jedem Kapitel unangenehmer! Dabei ist Adrian kein Held: Er kämpft in keinem Krieg, trägt keine Uniform, aber er schaut zu und weiß vieles und tut wenig … Er passt sich an, schweigt, weicht aus – und gerade diese unspektakuläre Form des Versagens macht ihn so schwer zu greifen. So fragt Norbert Gstrein nicht laut nach Schuld, sondern legt sie zwischen die Sätze und lässt sie dort liegen … Wie viel Schuld kann in einem Schweigen wohnen? Doch eine einfache Antwort gibt es nicht – und überhaupt misstraut Gstrein den einfachen Antworten. Was mich besonders beeindruckt hat, ist, dass seine Sätze lang sind, verschlungen, manchmal beinahe atemlos, denn sie kreisen um einen Gedanken, verlassen ihn, kehren verändert zu ihm zurück, – als müsste auch die Sprache erst einen Weg durch dieses Jahrhundert finden …. Selbst die Syntax scheint manchmal zu hinken wie Adrian! Besonders eindringlich waren für mich die Gesichter der Kriegsheimkehrer: junge Männer, deren Gesichter von Narben zerschnitten und bis zur Unkenntlichkeit verändert sind, dabei beschreibt Norbert Gstrein diese Verstümmelungen ohne Sentimentalität und er macht aus dem Grauen kein Pathos: Gerade deshalb trifft es! Beunruhigend wird der Roman dort, wo sich die Gewalt von einer Generation in die nächste fortsetzt, denn Adrian wird Lehrer und einer seiner Schüler, Martin Baumgartner, entwickelt eine Begeisterung für das Militär und zieht schließlich in den Krieg. Er wird Zeuge und Beteiligter von Erschießungen – und Adrian weiß davon! Und irgendwann muss er sich der bitteren Wahrheit stellen, dass er dem Ganzen nichts entgegengesetzt hat … Das ist vielleicht der dunkelste Kern des Romans: Man muss nicht selbst zuschlagen, um Teil einer Gewaltgeschichte zu werden! Norbert Gstrein macht es sich und uns dabei nicht leicht, denn er gibt Adrian keine eindeutige moralische Position, von der aus wir ihn bequem beurteilen könnten; stattdessen lässt er ihn durch die Jahrzehnte gehen – durch Monarchie, Weltkriege, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre. Adrian erschien mir wie ein Chamäleon der Geschichte: Er verändert seine Haltung, ohne sich selbst wirklich zu verändern. Und dann, fast unerwartet, kommt die Liebe … Denn im Alter reist Adrian nach England und begegnet Vivian; es ist keine große Erlösung, kein sentimentaler Schlussakkord, sondern eher ein spätes, vorsichtiges Öffnen. Als hätte ein Mensch, der sein ganzes Leben am Rand gestanden hat, für einen Augenblick den Mut, einen Schritt nach innen zu machen. Vielleicht liegt darin die leise Schönheit dieses Romans? Denn „Im ersten Licht“ ist ein Buch, das keinen Trost verspricht und dennoch lange nachwirkt und der Titel scheint dafür ein wunderbares Bild zu sein: jene Stunde zwischen Nacht und Tag, in der die Welt noch grau ist und Licht und Schatten nicht sauber voneinander zu trennen sind … Norbert Gstrein erzählt ein Jahrhundert, aber eigentlich erzählt er von etwas viel Näherem: von der menschlichen Fähigkeit, wegzusehen, sich herauszureden und weiterzuleben. Und von der vielleicht ebenso menschlichen Hoffnung, dass irgendwann doch ein anderes Licht fällt! Adrian hinkt weiter … Und ich habe ihn beim Zuklappen des Buches noch ein Stück begleitet. Eine unbedingte Lese-Empfehlung für das sanfte Licht an langen Herbstabenden!
Ich wusste schon nach den ersten Seiten, dass ich dieses Buch nicht einfach nebenbei lesen würde, denn zu nah fühlte sich an, was Irvin und Marilyn Yalom über ihre letzten gemeinsamen Monate erzählen. Dabei ist es gerade die ruhige, fast sachliche Art, mit der sie über Krankheit, Angst und Abschied schreiben, die mich besonders berührt hat. Hinter den Worten stehen keine erfundenen Figuren, sondern zwei Menschen, die nach 65 gemeinsamen Ehejahren wissen, dass ihnen nur noch wenig Zeit miteinander bleibt … „Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben“ erzählt von dieser letzten gemeinsamen Zeit; dabei geht es um das Sterben, aber für mich vor allem um das Weiterlieben, wenn das gemeinsame Leben plötzlich ein Ende haben wird. Irvin D. Yalom, einer der bekanntesten Psychotherapeuten und Vertreter der existentiellen Psychotherapie, und seine Frau Marilyn, eine renommierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, waren seit ihrer Jugend ein Paar. Als Marilyn dann an Krebs erkrankte und klar wurde, dass ihre Krankheit tödlich verlaufen würde, beschlossen sie, gemeinsam ein Buch über diese letzte Lebensphase zu schreiben – und was daraus entstand, ist zugleich Abschied, Erinnerung und Liebeserklärung. Gerade dieser Gedanke hat mich beim Lesen immer wieder berührt: Ihr erstes Gespräch drehte sich um Bücher, und auch ihre gemeinsame Geschichte endet mit einem Buch: „Unsere Beziehung begann und endete mit Büchern.“ Schreiben wird also hier zu einer Form des Festhaltens – gegen die Zeit und gegen das Vergessen … Das Buch ist abwechselnd aus Marilyns und Irvins Perspektive geschrieben; dadurch erlebt man dieselben Monate aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln: aus der Sicht der Sterbenden und aus der Sicht des Menschen, der zurückbleiben wird. Marilyn begegnet ihrem Tod zunehmend mit Klarheit, verabschiedet sich von Freunden und Familie, ordnet Dinge und versucht, ihren Mann auf ein Leben ohne sie vorzubereiten. Irvin dagegen möchte die Realität lange nicht akzeptieren, denn – obwohl er als Psychotherapeut viel Erfahrung mit Trauer hat – muss er feststellen, dass Wissen nicht vor Schmerz schützt. Gerade das hat mich beeindruckt, schreibt doch Irvin nicht nur als Psychotherapeut, sondern vor allem als Ehemann. So beschreibt er seine Angst, seine Hilflosigkeit und seine Verzweiflung – und manchmal analysiert er sich selbst, als würde er versuchen, seine Gefühle mit den Werkzeugen seines Berufs zu verstehen; doch gibt es gegen die Trauer keine Theorie, die sie verschwinden lässt! Beim Lesen habe ich viel geweint – und trotzdem empfand ich das Buch nie als ausschließlich traurig, denn zwischen Krankheit, Abschied und Tod liegt erstaunlich viel Wärme. Es geht um Freundschaft, Familie, Erinnerungen und die Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht. Und auch das Älterwerden, das Loslassen der Arbeit und die Angst vor dem eigenen Tod spielen eine wichtige Rolle, doch vor allem aber geht es darum, wie zwei Menschen einander Halt geben, obwohl ihnen die gemeinsame Zukunft genommen wird. Besonders berührt haben mich die Fotografien im Buch, denn vor der Lektüre waren es für mich Bilder von zwei Menschen, die ich nicht kannte; danach jedoch sah ich sie anders! Plötzlich schienen Gesichter und Gesten eine Geschichte zu tragen und die Bilder wurden zu kleinen Fenstern in ein langes gemeinsames Leben – und wirkten auf mich gleichzeitig traurig und tröstlich … „Unzertrennlich“ ist für mich deshalb keine klassische Abhandlung über das Sterben, sondern eine Liebesgeschichte am äußersten Rand des Lebens. So versucht Marilyn, Irvin auf ihr Fortgehen vorzubereiten, während Irvin lernen muss, dass Liebe manchmal auch bedeutet, jemanden gehen zu lassen … Besonders eindrücklich fand ich den Gedanken: „Trauern ist der Preis, den wir zahlen, wenn wir den Mut haben, andere zu lieben.“ Vielleicht liegt darin die größte Wahrheit dieses Buches! Wer tief liebt, muss irgendwann auch Abschied nehmen; und doch ist der Abschied nicht das Gegenteil der Liebe – er ist ihr schmerzhafter Beweis … Ich habe dieses Buch mit Tränen in den Augen beendet, aber nicht mit einem Gefühl der Leere, sondern eher mit Dankbarkeit: nämlich dafür, dass Irvin und Marilyn Yalom ihre letzten gemeinsamen Monate mit uns geteilt haben und gezeigt haben, dass ein Leben auch im Angesicht des Todes bedeutsam bleiben kann. „Unzertrennlich“ ist eine stille, schonungslose und zugleich tröstliche Liebeserklärung – aneinander, an die Familie, an Freundschaften und vor allem an das Leben selbst. Ein Buch, das ich gerne noch einmal lesen würde, denn vielleicht verändert sich seine Bedeutung mit jedem Lebensabschnitt … Vielleicht liest man es dann nicht mehr nur mit Angst vor dem Tod, sondern auch mit einem tieferen Bewusstsein dafür, wie kostbar es ist, überhaupt jemanden zu haben, von dem man sich eines Tages verabschieden muss.
Wie erzählt man Kindern von einem Krieg, den sie selbst nie erlebt haben? Wie macht man begreifbar, was es bedeutet, wenn Angst, Ideologie und Gewalt zum Alltag gehören? Josef Einwangers „Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer“ nähert sich diesen Fragen aus der Perspektive des zehnjährigen Felix; dadurch wird Geschichte nicht als ferne Abfolge von Jahreszahlen und Schlachten erzählt, sondern als unmittelbare Erfahrung eines Kindes, das die Welt um sich herum verstehen möchte. Wir befinden uns in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs: Felix zieht mit seiner Mutter von München aufs Land nach Simbach, während sein Vater an der Front kämpft und bald als gefallen gilt. Doch dann kehrt er heim – als Deserteur! Er muss sich verstecken, denn würde er entdeckt, drohen ihm und seiner Familie schwerwiegende Konsequenzen – und ausgerechnet ein zehnjähriger Junge wird damit zum Mitwisser eines lebensgefährlichen Geheimnisses … Felix lebt zwischen verschiedenen Welten: Da ist seine Mutter, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenübersteht, und die Familie Feik, überzeugte Nationalsozialisten und Nachbarn; gleichzeitig erlebt Felix jedoch mit Marta und dem Flüchtlingsjungen Tofan Freundschaft und kindliche Unbeschwertheit und gerade diese Begegnungen zeigen, dass selbst in einer Zeit von Krieg und Unterdrückung kleine Inseln des Menschlichen bestehen bleiben. Besonders berührend ist, dass Felix die Ereignisse nicht mit dem Wissen eines Erwachsenen erlebt, denn er versteht vieles nur teilweise, spürt die Angst der Erwachsenen und versucht dennoch, seinen eigenen Alltag zu bewahren. Er spielt, lässt Drachen steigen, entdeckt gemeinsam mit Marta sein „Glaszimmer“ –und schreibt mit ihr einen Brief an Hitler! Darin bitten die Kinder darum, dass der Krieg endlich aufhört und ihre Väter nach Hause zurückkehren können … In dieser kindlichen Bitte liegt die ganze Sinnlosigkeit des Krieges: Während Erwachsene über Macht und Ideologien entscheiden, wünschen sich Kinder vor allem eines – dass ihre Eltern leben und Frieden herrscht! Das Glaszimmer wird dabei zu einem eindrucksvollen Symbol, denn zwischen Glassplittern, die im Licht funkeln, entsteht ein kleiner Ort der Fantasie und des Staunens, während draußen Bomben fallen und die Welt von Angst bestimmt wird. Felix bewahrt sich dort einen Raum, in dem Schönheit möglich bleibt – und zugleich stehen die zarten und zerbrechlichen Glassplitter sinnbildlich für die Kindheit selbst. Josef Einwanger verarbeitet in seinem Roman auch Erfahrungen seiner eigenen Generation, denn der 1935 geborene Autor war am Ende des Krieges selbst etwa so alt wie Felix und dadurch erhält die Geschichte eine besondere Nähe: Sie vermittelt nicht nur historische Ereignisse, sondern auch das Lebensgefühl einer Kindheit, die von Krieg, Entbehrung und ideologischer Vereinnahmung geprägt war. Besonders eindringlich wird dies beim Bombenangriff auf Mühldorf, den Felix und seine Mutter unmittelbar erleben; und solche Szenen zeigen immer wieder, dass Krieg nicht nur an der Front stattfindet, sondern Bahnhöfe, Häuser und Familien erreicht – und vor allem Menschen trifft, die keine Verantwortung für die politischen Entscheidungen der Erwachsenen tragen … Gerade deshalb besitzt der Roman eine bemerkenswerte Aktualität, denn wenn heute über Krieg, Flucht, politische Radikalisierung und den Wert demokratischer Freiheit gesprochen wird, erinnert Josef Einwangers Geschichte daran, wie zerbrechlich Frieden und Freiheit sind. Felix erlebt, was geschieht, wenn Menschen ihre Meinung nicht mehr frei äußern können und politische Ideologien bis in den Alltag hineinreichen, doch der Roman erzählt nicht mit erhobenem Zeigefinger davon, sondern durch die Augen eines Kindes – und macht Geschichte gerade dadurch unmittelbar! Auch die Verfilmung „Das Glaszimmer“ aus dem Jahr 2022 erweitert diese Auseinandersetzung und überträgt Felix’ Geschichte in eindringliche Bilder; zwar setzen Film und Roman teilweise unterschiedliche Schwerpunkte, gemeinsam erzählen sie jedoch von einem Kind, das in den letzten Monaten des Nationalsozialismus zwischen Angst, Propaganda, Freundschaft und Hoffnung seinen Weg sucht. Am Ende der Lektüre blieb mir vor allem ein Gedanke: Felix ist kein Held, weil er unfehlbar wäre, sondern weil er trotz allem Kind bleibt – mit seiner Fantasie, seinen Fragen, seinen Ängsten und seiner Sehnsucht nach Frieden. „Das Glaszimmer und ein Brief an den Führer“ erinnert daran, dass Geschichte nicht nur aus großen politischen Entscheidungen besteht, sondern auch aus den kleinen Geschichten der Menschen, die mit deren Folgen leben mussten. Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft des Buches: Frieden ist für ein Kind kein politisches Konzept; Frieden bedeutet vielmehr, dass der Vater nach Hause kommt, dass man mit Freunden spielen kann und dass niemand Angst haben muss, die Wahrheit zu sagen. Gerade deshalb wirken diese Geschichten heute so bedrückend aktuell, erinnern sie uns doch daran, dass Freiheit und Frieden keine Selbstverständlichkeiten sind – und dass Geschichte sich wiederholen kann, wenn Angst, Ausgrenzung, Ideologie und Gleichgültigkeit erneut Raum gewinnen …
„Man kann ja viel über unsere Familie sagen, aber langweilig war es selten.“ Bis sie zwölf war, hatten Gemma und ihre drei jüngeren Geschwister eine Mom wie jede andere. Frankie Endicott war vielleicht ein bisschen zerstreuter, ein bisschen unzuverlässiger als andere Mütter, aber meistens schaffte sie es doch, ihren Kinder die Haare zu bürsten und die Brote für die Schule zu schmieren. Eines Tages jedoch finden die Kinder nach der Schule nur einen Thunfischauflauf im Kühlschrank und einen Zettel, der besagt, dass ihre Mutter für eine Weile weg sein würde. Das war im Mai, und erst im August ist Frankie wiedergekommen, um ihre Kinder auf den ersten von vielen Roadtrips durch die verschiedenen Bundesstaaten der USA mitzunehmen. Aber schon da kommt ihnen Frankie nicht mehr wie eine Mutter vor, sondern wie eine Fremde, und als dann auch noch der schreckliche Unfall passiert, bei dem Jude beinahe ihr Leben verloren hätte, verbietet der Vater Frankie den Umgang mit ihren Kindern ein für alle Mal. Und so ist es Gemma, die ihre jüngeren Geschwister praktisch großzieht, die darauf achtet, dass Connor abends im Bett nicht zu lange liest, die vor dem Fußballtraining Roddys Asthmaspray sucht und die ein Auge auf Jude hat – und deswegen müsste eigentlich Gemma die berühmteste von ihnen allen sein. Aber als Erwachsene ist Gemma die mit dem langweiligen Bürojob, während Connor ein gefeierter Bestsellerautor, Roddy ein hochdotierter Fußballer und Jude eine oscarnominierte Hollywoodschauspielerin geworden sind. Das mag zunächst etwas ungewöhnlich klingen, diese Häufung von Berühmtheit in einer einzigen Familie, aber schon als Kinder nannten sich die vier Geschwister „die außergewöhnlichen Endicotts“. Doch diese Zeiten, in denen die vier zusammen so außergewöhnlich und unzertrennlich waren, sind lange vorbei. Das liegt zu einem großen Teil an dem Roman, den Connor geschrieben hat und der ein preisgekrönter Bestseller wurde. Den Titel „Die fast wahre Geschichte der erstaunlichen Atkinsons“ hätten ihm seine Geschwister vielleicht noch durchgehen lassen, aber dass er in der Geschichte IHRE Geschichte ungefiltert verarbeitet – das hat vor Jahren zu dem riesengroßen Streit geführt, und seitdem herrscht Funkstille zwischen ihnen, seit über drei Jahren schon. „Das hört sich nach einer langen Zeit an. Aber Jahre bestehen aus Tagen, und Tage vergehen mit beängstigender Geschwindigkeit. – Mehr als tausend Tage, ohne einander zu sehen. Connor kann sich kaum eine schlimmere Familientradition ausmalen.“ Ob das gemeinsame Wochenende in North Dakota – warum ausgerechnet North Dakota, und das im tiefsten Winter! –, zu dem Jude sie alle eingeladen hat, dazu beitragen kann, die Entfremdung zwischen den Geschwistern aufzuheben und die Dinge wieder ins Lot zu rücken? „An diesem Wochenende geht es darum vorwärtszugehen, nicht rückwärts. Ich habe keine Energie mehr, mit euch zu streiten. Nicht mit euch dreien. Ich will unsere Familie zurück!“ Jennifer E. Smith erzählt ihren wunderbaren Roman abwechselnd aus der Sicht der vier Geschwister, springt dabei auch in Rückblenden durch die Jahre und lässt uns mit den vier Endicott-Kindern durch einen Großteil der US-Bundesstaaten reisen (hier kann man echt noch was lernen!) – und aus all diesen Mosaikstückchen setzt sich langsam das Gesamtbild dieser erstaunlichen und außergewöhnlichen Familie zusammen. „Ein Riesenspaß für die ganze Familie“ ist ein ganz besonderes Buch, das zu Herzen geht, ohne dabei kitschig zu sein. Die vier Geschwister sind mir während der Lektüre wirklich ans Herz gewachsen und man fiebert mit ihnen mit, ob sie wirklich miteinander fertig sind. „Glaubst du, dass es zwischen uns jemals wieder gut sein wird?“, fragt Jude. „Zwischen dir und mir?“, fragt Gemma und überlegt einen Moment. „Ja. Aber nicht heute.“ „Damit kann ich leben“, sagt Jude. Dieser Dialog zwischen den beiden Schwestern gibt Anlass zur Hoffnung – auch darauf, dass nach dem jahrelangen Nicht-Treffen der Geschwister, das ihnen, so wie alles im Leben, schon zur Gewohnheit geworden ist, aus vier getrennten Menschen, jeder in seiner Welt, doch wieder eine Einheit werden kann.
Ich glaube, ich habe noch nie ein Buch mit einer derart ungewöhnlichen Heldin gelesen! Seit dem Tod ihrer Mutter zieht die junge Tibb Ingleby alleine als Landstreicherin durch die Lande. Es ist ein schweres Leben im ländlichen England des frühen 16. Jahrhunderts, denn das Vagabundieren ist verboten. Wer erwischt wird, dem brennt man ein V auf die Stirn, den meldet man der Kirche, der wird zu Zwangsarbeit der schlimmsten Art verdammt. Aber so naiv und kindlich Tibb auch wirken mag, ist sie doch mindestens genauso schlau und gewieft, und außerdem findet sie in Ivo einen Freund fürs Leben und in Ambrose den Mann fürs Leben. Und obwohl ein Zuhause nicht unbedingt ein Dach über dem Kopf sein muss, sondern genauso gut ein Mensch wie ein Ort sein kann, setzen die drei alles daran, sich ein solches zu schaffen. Dafür schmieden sie einen gleichermaßen aberwitzigen wie tollkühnen Plan, der auch eine Abrechnung ist mit der mächtigen Kirche und den Gräueln, die im Namen Gottes begangen werden. Rosanna Pikes Debüt ist eine rasante Abenteuergeschichte, ein Schelmenroman, ein Märchen – und ein Plädoyer für Toleranz. Und „Eine kleine Schwindelei“ erzählt nicht nur von einem Wunder – es IST ein Wunder! Also: Lesen, staunen, freuen. Sie werden sich in Tibb verlieben, garantiert.
Das Haus der Erzählerin ist Zeuge von allem gewesen, der Ehe, den Kindern und dem Ende der Ehe. Es ist Zeuge gewesen von den Versuchen, es zu verschönern und zu pflegen, und von den Versuchen, es loszuwerden. Aber jetzt soll es nicht nur beim Versuch bleiben, jetzt wird das alte Haus in der wunderschönen „Alleinruhelage“ wirklich und wahrhaftig verkauft, „und unser Gespräch wird verstummen, denn die Erinnerungen lebten vor allem, wenn wir zusammen waren, du und ich.“ In der Rückschau verliert sich die Erzählerin in diesen Erinnerungen, die sie mit ihrem Haus verbindet – zehn Jahre nach der Wende gekauft, gelegen an einem kleinen See in den ostdeutschen Wäldern, als Kneipe auf einem Campingplatz der mittlerweile ehemaligen DDR errichtet – sie schweift ab und mäandert durch die Geschichte. Wir lesen von Familienglück und gescheiterten Lieben, von rauschenden Sommerfesten und dem Gefühl des Fremdseins in der Kleingartensiedlung, wo „die Städter“ von den Alteingesessenen misstrauisch beäugt werden. Großartig fand ich in dem Zusammenhang die Liste der Verfehlungen aus einundzwanzig Jahren: „Zu oft gegrüßt, zu oft gelacht. Zu sehr dazugehören wollen. Freiwillig Mitgliedsbeitrag bezahlt. Freiwillig am Arbeitseinsatz teilgenommen. Sich ungewöhnlich verhalten, also dumm. Zu viele Gast-Autos, einmal im Jahr. Widerworte im WhatsApp-Chat.“ Wunderbar und höchst vergnüglich erzählt Eva Menasse von einer Frau, die an einem Wendepunkt ihres Lebens steht, die noch einmal aufbrechen muss und herausfinden will, ob ihre „neue, stabile Alleinruhelage nicht doch ein wenig mehr Bewegung verträgt.“
„Ich stelle mir oft die Frage: Wie muss es sich anfühlen, vollkommen frei zu sein, ein ungebundenes Leben zu führen, ohne für andere Menschen verantwortlich zu sein?“ Die junge Ji-won ist all das nicht. Aufgewachsen in Kalifornien in einer traditionellen, koreanischen Familie ist sie nach der überraschenden Trennung der Eltern, diejenige, die die Familie zusammenhält; sie kümmert sich aufopferungsvoll um ihre jüngere Schwester und die völlig überforderte, hilflose Mutter. Als sich dann eines Tages auch noch George, der neue Freund der Mutter, ein extremer Unsympath – „Ich bin Republikaner, weil wir nicht alle vom Staat leben können.“ – bei ihnen einnistet, beschließt Ji-won: Es reicht! Ihre Mutter mag zu schwach sein und ihre Schwester zu jung, aber sie ist weder das eine noch das andere. George muss weg… und nicht nur er. Langsam und immer bedrohlicher erleben wir mit, wie sich Ji-wons Besessenheit zu einer wahren Obsession steigert. Längere Zeit habe ich gerätselt, ob ich es hier mit einer gefühlskalten Soziopathin zu tun habe oder ob Ji-wons „Anwandlungen“ einer Art Wahn entspringen. Das Ende ist dann so überraschend wie großartig – und sehr, sehr fies! „Das Beste sind die Augen“ ist in diesem Falle wörtlich zu nehmen – wer dieses Buch liest, braucht definitiv einen stabilen Magen!
Als ich „Botanik des Wahnsinns“ zu lesen begann, hatte ich schnell das Gefühl, in eine Familiengeschichte hineinzurutschen, aus der es keinen einfachen Ausgang gibt; da ist nämlich ein Erzähler, dem nach dem Tod seiner Mutter durch eine absurde Verwechslung auch noch der materielle Rest seiner Herkunft genommen wird: Die Dinge, die von ihr geblieben sind, landen in der Müllverbrennungsanlage, sodass nur Erinnerungen, Krankenakten, Bruchstücke – und die quälende Frage übrig bleiben, wie viel von all dem eigentlich in einem selbst weiterlebt … Aus diesem Verlust entwickelt Leon Engler eine Familiengeschichte, in der psychische Erkrankungen beinahe wie ein dunkler roter Faden durch mehrere Generationen laufen – Depressionen, Alkoholabhängigkeit, bipolare Störungen, Verfolgungswahn, Klinikaufenthalte, Suizidversuche: Der Stammbaum, den der Erzähler freilegt, ist kein genealogischer Garten, sondern eher ein verwildertes Gelände, denn während er in der Vergangenheit seiner Familie gräbt, wächst in ihm selbst eine Angst, die ihn seit seiner Kindheit begleitet: Was, wenn der Wahnsinn nicht nur zur Familiengeschichte gehört, sondern auch zu seiner eigenen Zukunft? Diese Angst hat mich beim Lesen besonders beschäftigt, da Leon Engler zunächst versucht, sich mit Wissen zu schützen. So studiert er Psychologie, liest Fachliteratur und beschäftigt sich mit Krankheitsbildern und Familienanamnesen, weil er verstehen möchte, was mit seinen Eltern und Großeltern geschehen ist – vielleicht auch, um herauszufinden, was mit ihm geschehen könnte … Es wirkt manchmal, als wolle er seinem eigenen Leben eine Gebrauchsanweisung abringen – und je genauer er hinsieht, desto deutlicher wird jedoch, dass sich ein Mensch nicht vollständig erklären lässt. Gerade darin liegt für mich eine der größten Qualitäten des Romans, denn Leon Engler schreibt über psychische Erkrankungen, ohne seine Figuren in Diagnosen einzusperren; so ist seine Großmutter nicht einfach „bipolar“, seine Mutter nicht nur „alkoholkrank“, sein Vater nicht bloß „depressiv“, sondern hinter den medizinischen Begriffen bleiben Menschen sichtbar: widersprüchlich, verletzlich, manchmal schwer auszuhalten und manchmal von überraschender Wärme. Besonders eindringlich ist die Vorstellung, dass die Großmutter „nicht aus einem Guss“ ist. Kein Mensch besteht nur aus seiner Krankheit; kein Leben ist so ordentlich, wie es eine Diagnose vermuten lässt … Der Autor verbindet dabei psychologisches Wissen mit einer bemerkenswert poetischen Sprache und so entstehen zwischen Krankenakten und Reflexionen über die Geschichte der Psychiatrie Bilder, die im Gedächtnis bleiben: Eine Depression wird zur verstimmten Gitarre, die bipolare Großmutter zu Wasser, das heute Dampf und morgen Eis ist; aus Krankheitsbildern werden so menschliche Zustände, die man nicht nur versteht, sondern beinahe körperlich spürt … Auch die Form des Romans hat mich überzeugt, denn „Botanik des Wahnsinns“ ist zugleich Familienroman, Bildungsroman, Reiseerzählung und Psychiatrieroman, außerdem markieren München, New York und Wien nicht nur geografische Stationen, sondern auch verschiedene Versuche, der eigenen Herkunft zu entkommen. Doch die Familie reist mit! Selbst im Wiener Kaffeehaus bleibt sie im Kopf sitzen – und mir wurde beim Lesen klar: Flucht bedeutet eben nicht automatisch Freiheit! Besonders berührend fand ich Leons Entwicklung während seiner Arbeit in der Psychiatrie, denn ausgerechnet dort lernt er, dass Zuhören oft wichtiger ist als Diagnostizieren: Sein Blick auf seine Familie verändert sich dadurch, weil er nicht mehr jede Wunde vermessen muss, um sie ernst zu nehmen, sondern erkennt, dass ein Mensch immer größer ist als das, was in seiner Krankenakte über ihn steht. Trotz der Schwere seiner Themen besitzt Leon Englers Roman eine erstaunliche Leichtigkeit, die mich begeistert hat, denn ein trockener, manchmal absurder Humor bricht die Schwermut immer wieder auf! Das macht die Geschichte nicht weniger schmerzhaft, aber menschlicher. Und so bleibt am Ende für mich deshalb weniger die Frage, ob Wahnsinn vererbbar ist – nein, viel stärker beschäftigt mich die Frage, wie viel Freiheit einem Menschen gegenüber seiner Herkunft möglich ist: Können wir uns von dem lösen, was uns geprägt hat, oder tragen wir unsere Familien wie unsichtbares Gepäck durchs Leben? Der Autor gibt darauf keine einfache Antwort; und gerade das macht den Roman so glaubwürdig! „Botanik des Wahnsinns“ erzählt nicht von endgültiger Heilung, sondern von einem vorsichtigen Annehmen: Die eigene Herkunft lässt sich nicht ungeschehen machen, aber vielleicht lässt sich lernen, anders mit ihr zu leben … Mich hat dieses Buch vor allem wegen seiner Menschlichkeit berührt, denn es schaut in die Abgründe einer Familie, ohne die Menschen darin preiszugeben, es seziert und streichelt zugleich … Ein kluges, schmerzhaftes und erstaunlich zärtliches Debüt – eines, das nicht laut nachwirkt, sondern sich eher wie ein Satz im Gedächtnis festsetzt, den man erst später wirklich versteht … Eine unbedingte Lese-Empfehlung für diesen Bücherherbst!
Muthesius, einer der wichtigsten Theaterregisseure und Intendanten Deutschlands, ist tot. Diese Nachricht weckt bei seinem Sohn, künstlerischen Wegbegleiter*innen, Konkurrent*innen und Theatermitarbeiter*innen unterschiedlichste Erinnerungen an diesen schwierigen Mann, der mit seiner schroffen Art naturgemäß nicht nur Freunde hatte. Der Sohn hatte stets mit der Lieblosigkeit des Vaters zu kämpfen, die häufig wechselnden Geliebten waren entweder verfeindet oder wussten nichts voneinander, und die Künstler*innen wurden teils erniedrigt, teils hofiert. Jede dieser Personen erhält ihre eigene Stimme für Erinnerungen, Assoziationen und Gedankenspiele. Alain Claude Sulzer baut seinen Roman als klassisches Drama in drei Akten mit Prolog, Dramaturgie und Personenführung sind fulminant, die Sprache ist von eleganter Klarheit, und es sind ausreichend Fallstricke und Wendungen eingebaut, um das theaterbegeisterte Publikum zu fesseln - eine echte Empfehlung!